"Schöpferische Minderheit sein"
Bischof Feige stößt neuen Reformprozess im Bistum Magdeburg an

"Schöpferische Minderheit sein"

Bistümer - Derzeit verteilt das Bistum Magdeburg in seinen Kirchengemeinden Broschüren mit "Zukunftsbildern 2019". Es ist der Auftakt zu einem neuen Reformprozess, der an das "Pastorale Zukunftsgespräch" anknüpft, mit dem sich die Diözese von 1999 bis 2004 neu ausrichtete. Bischof Gerhard Feige sprach in Magdeburg über seine Ideen und Erwartungen, wie das Bistum zum 25-jährigen Gründungsjubiläum 2019 aufgestellt sein sollte.

Magdeburg - 05.06.2014

Frage: Herr Bischof, hat das "Pastorale Zukunftsgespräch" nicht gefruchtet, oder warum gibt es jetzt mit den "Zukunftsbildern 2019" eine neue Bistumsreform?

Feige: Eine neue Reform ist das nicht. Aber die Entwicklung ist weitergegangen, bestimmte Trends haben sich verschärft, wie der demografische Wandel und der Mangel an Priestern. Nun geht es darum, neue konkrete Antworten auf die gegenwärtigen Herausforderungen zu finden. Wer sind wir hier als katholische Kirche in der Region, wie verstehen wir uns, was ist unsere Aufgabe, worin bestehen unsere Chancen, und wo erfahren wir Grenzen. Das bedeutet einen Wandel der Mentalität hin zu mehr Offenheit, ebenso wie strukturelle Veränderungen.

Frage: Ende 2010 war die Fusion von 186 Seelsorgeeinheiten zu 44 Pfarreien abgeschlossen. Wird jetzt noch mal zusammengestrichen?

Feige: In der Tat können wir inzwischen die erste unserer Pfarreien nicht mehr mit einem kanonischen Pfarrer besetzen. Aber in weiteren Fusionen sehe ich nicht die Lösung. Das muss in einem größeren Zusammenhang angegangen werden. So entstanden die Zukunftsbilder als Orientierungsrahmen, mit denen alle im Bistum aufgerufen sind, sich an der Suche nach Lösungen zu beteiligen.

Frage: Es geht also um die Baustellen Mentalität und Strukturen?

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Für die katholisch.de-Serie "Freundebuch" hat uns Gerhard Feige einen Einblick in sein Leben gewährt.

Feige: Ein Drittes kommt noch hinzu: Wie verstehen wir Kirche? Sehen wir sie weiterhin als Versorgungseinrichtung? Ist Kirche nur da, wo Priester sind? Oder sehen wir Kirche tiefer und weiter?

Frage: Das bedeutet, eine Veränderung im Selbstverständnis der Gläubigen?

Feige: Ja, entscheidend ist die Gesinnung, mit der wir alle im Bistum an unsere Situation herangehen. Verstehen wir uns als Nachlassverwalter einer Kirche von gestern, die weitermacht, bis nichts mehr läuft? Oder werden wir zu einer geschlossenen, elitären Gesellschaft, die sich zurückzieht, warten auf bessere Zeiten und entwickeln uns vielleicht zu einer Art Sekte? Das alles möchten weder ich noch die Mehrheit der Gläubigen im Bistum.

Frage: Was möchten Sie und die Gläubigen denn lieber?

Feige: Eine schöpferische Minderheit sein - in ökumenischem Geist und in Kooperation mit anderen Partnern. Auf dieser Basis soll alles andere aufbauen. Da wo Christen leben, da ist Kirche. Wir geben die Fläche jenseits der Kirchtürme nicht auf. Hilfreich für dieses Bewusstsein ist beispielsweise, wenn im Schematismus für jede Pfarrei nicht nur die Zahl der Katholiken, sondern auch die Zahl der Einwohner insgesamt erscheint. Das weitet den Blick.

Frage: Da muten Sie Ihren Gläubigen ja einiges zu.

Feige: Bei Visitationen finde ich schon viele Beispiele vor, die durchaus dieser Grundgesinnung entsprechen. Gleichwohl existieren große Ungleichzeitigkeiten. So gibt es fast in jeder Pfarrei sowohl Leute, die schon lange weiter denken, andere hingegen krampfen sich an Vergangenem fest und sehen darin den Maßstab für die Zukunft. Letztere erinnere ich gern an ein Zitat von Karl Rahner: "Kirche ist kein Ofen, der sich selber wärmt." Oder wie es der evangelische Theologe Heinz Zahrnt sagt: "Kirche dürfte keine Thermoskanne sein - nach innen warm und nach außen kalt."

Der evangelische Dom zu Magdeburg St. Mauritius und Katharina prägt die Silhouette der Landeshauptstadt Sachsen-Anhalts.

Frage: Schauen wir trotzdem mal in das Innere der Thermoskanne: In den Zukunftsbildern plädieren Sie für eine Vielfalt in der Liturgie. Wollen Sie den Status der Messe relativieren?

Feige: Nein, ganz und gar nicht. Aber die liturgische Vielfalt früherer Zeiten ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Denken Sie an die verschiedenen Andachten, Stundengebete und Wortgottesfeiern ohne Priester. Darüber hinaus gibt es inzwischen noch weitere Formen, die auch Nichtchristen eine Mitfeier ermöglichen.

Frage: Manche Bischöfe sprechen sich ausdrücklich gegen Wortgottesfeiern am Sonntag aus.

Feige: Natürlich soll nicht der Wert der Eucharistiefeier untergraben werden. Aber ich finde, man muss immer die konkreten Situationen vor Ort in den Blick nehmen. Mir ist eine betende Gemeinde allemal lieber, als eine Gemeinde, die - weil kein Priester da ist - zu Hause bleibt.

Frage: Wenn Sie nicht mehr für alle Gemeinden einen Pfarrer haben, aber auch nicht weiter fusionieren wollen - was dann?

Feige: Es gibt da gute Impulse aus unserem französischen Partnerbistum Chalons. Dort werden die Pfarreien jeweils von einem Team aus Laien geleitet, beauftragt durch den Bischof. Es gibt zwar einen zugeordneten Priester, der aber nicht Gemeindeleiter ist. Wir werden das sicher nicht eins zu eins so umsetzen, aber denken in eine ähnliche Richtung.

Frage: Woher bekommen Sie sonst noch Anregungen für die Entwicklung des Bistums?

Feige: Auch aus anderen Bistümern, die schon länger nach neuen Wegen suchen: vor allem Poitiers, Linz und Hildesheim. Ein gemeinsames Treffen mit Vertretern von ihnen war äußerst interessant.

Frage: Da es ja alle betrifft - tauschen sich die Bischöfe bei ihren Konferenzen darüber aus?

Feige: Aufgrund der allgemeinen Problemfülle nur von Zeit zu Zeit. Wir hatten aber auch schon ausführliche Studientage dazu. Da die Situation der einzelnen Bistümer jedoch sehr verschieden ist, kommt man kaum zu gemeinsamen Lösungen.

Das Interview führte Karin Wollschläger (KNA)