Erzbischof Georg Gänswein
Privatsekretär von Benedikt XVI. übt auch Kritik am Synodalen Weg

Gänswein: Kirche in Corona-Pandemie "übertrieben staatstreu"

Wenn das Leibeswohl über das Seelenheil gestellt werde, stimme etwas nicht, meint Kurienerzbischof Georg Gänswein – und kritisiert damit das Verhalten der Kirche in Deutschland angesichts der Corona-Maßnahmen. Auch den Synodalen Weg sieht er kritisch.

Vatikanstadt - 30.11.2021

Der deutsche Kurienerzbischof Georg Gänswein hat die Kirche in Deutschland für ihr Vorgehen in der Corona-Pandemie kritisiert. "Wenn das Leibeswohl über das Seelenheil gestellt wird, und das war nicht nur mein Eindruck, dann stimmt etwas nicht", sagte der Privatsekretär des emeritierten Papstes Benedikt XVI. dem "Vatican-Magazin" (Dezember-Ausgabe). Er habe nie verstanden, "dass kirchliche Behörden staatliche Vorgaben teilweise sogar überholt und sich in der Krise so übertrieben staatstreu gezeigt haben". Auch habe er sich gefragt, warum in vielen deutschen Kirchengemeinden "Hygienevorschriften die Pastoral ersetzt" hätten.

Gleichzeitig betonte Gänswein aber den Wert von Impfungen. Benedikt XVI. und er selbst seien beide "aus Überzeugung" bereits zum dritten Mal geimpft. "Man darf die Frage des Impfens nicht auf die Glaubensebene heben", so Gänswein. Zwar dürfe niemand zur Impfung gezwungen werden. "Aber man sollte an das Gewissen appellieren."

Gänswein übte in dem Interview auch Kritik am Synodalen Weg der Kirche in Deutschland. "Bischof Voderholzer hat recht, wenn er vom Missbrauch des Missbrauchs spricht", betonte er. Der Prozess wolle "innerkirchliche Reformen durchpeitschen, die aus der Gemeinschaft mit der Weltkirche hinausführen", beklagte er. Sollte vorher kein Einsehen wach werden, komme eine "riesengroße Enttäuschung" auf die Menschen zu. Entweder setzten die Bischöfe den in seinen Augen "unrealistischen Forderungen" ein Ende oder im Rom komme das Aus. "Damit wäre aber weder der Kirche in Deutschland noch der Weltkirche gedient."

Von Vertiefung des Glaubens wenig zu hören

Gänswein frage sich "mit vielen einfachen gläubigen Menschen, ob der synodale Weg überhaupt etwas für den Glauben bringt". Von einer Vertiefung und Erneuerung des Glaubens sei "vom Establishment des deutschen Verbandskatholizismus" bisher "wenig Positives zu hören gewesen". Stattdessen seien dort viele politisch Tätige versammelt, die zwar aus der katholischen Kirche kämen, in der Regel in zentralen theologischen Fragen aber eine ganz andere Auffassung hätten als das kirchliche Lehramt, und sich immer wieder lautstark bemerkbar machten.

Seit 2019 läuft der Synodale Weg. Angestoßen durch zahlreiche Missbrauchsfälle in der Kirche Deutschlands werden dort Themen wie Machmissbrauch, Sexualmoral, Zölibat und die Rolle der Frau von Bischöfen und Laien diskutiert.

Gänswein ist seit 2005 der Privatsekretär Benedikts, seit 2012 ist er Präfekt des Päpstlichen Hauses. Von letztgenannter Position hat ihn Papst Franziskus 2020 freigestellt. (cph)