Standpunkt

Papst Franziskus legt den Finger in die Wunde der Flüchtlingspolitik

Aktualisiert am 06.12.2021  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Mit drastischen Worten prangert Papst Franziskus auf seiner Reise die europäische Flüchtlingspolitik an. Das ist sinnvoll, kommentiert Christof Haverkamp, damit die Migranten an den EU-Außengrenzen in Zeiten von Corona nicht vergessen werden.

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Dieser Papst kann unbequem sein – und er muss es wohl auch, um uns wachzurütteln. Auf seiner kurzen Reise nach Zypern und Griechenland, die am heutigen Nikolaustag zu Ende geht, hat Franziskus erneut an das Schicksal der Geflüchteten an den Außengrenzen der Europäischen Union (EU) erinnert und hunderte von ihnen auf der Mittelmeerinsel Lesbos getroffen. Es sind Menschen, die im Lager leben und erfahren, dass EU-Staaten Stacheldraht ausrollen, um sie an der Weiterreise zu hindern.

In der Zeit des Advents, den viele Menschen mit Gemütlichkeit verwechseln, legt Franziskus damit den Finger in eine Wunde. Das Oberhaupt der katholischen Kirche warnt in drastischen Worten vor todbringender Gleichgültigkeit, zynischem Desinteresse und dem Friedhof Mittelmeer mit tausenden Toten. Das ist sinnvoll, weil die EU und europäischen Staaten ähnlich wie die katholische Kirche vor allem mit sich selbst beschäftigt sind. Der Umgang mit der Corona-Pandemie überlagert vieles, so dass andere Themen in den Hintergrund rücken.

Populär ist die fast vergessene Migrantenfrage nicht, und sie lässt sich auch nicht einfach mit einer Reise und manchen Forderungen lösen. Dazu ist das Problem zu vielschichtig und erlaubt keine einfachen Antworten. Aber es ist wichtig, an die Geflüchteten zu erinnern und zumindest zu versuchen, die Weltöffentlichkeit und europäische Politiker aufzurütteln.

Doch Beachtung in den Medien findet diese Papst-Reise kaum, im Unterschied zu Berichten über Missbrauch in der katholischen Kirche. Um nicht missverstanden zu werden: Es wäre falsch, das eine gegen das andere auszuspielen. Aber die Dauerthemen Migration und Bekämpfung von Fluchtursachen hätte mehr Sendezeit, mehr Schlagzeilen verdient.

Gut, dass Franziskus, der selbst als Sohn italienischer Migranten in Argentinien aufgewachsen ist, mit seiner Reise darauf aufmerksam macht. Der lateinische Name für sein Amt – Pontifex – lautet Brückenbauer. Das passt. Denn Franziskus will lieber Brücken als Mauern bauen, auch wenn es unpopulär ist.

Von Christof Haverkamp

Der Autor

Christof Haverkamp ist Pressesprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Kirche in Bremen und Senderbeauftragter der katholischen Kirche bei Radio Bremen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.