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Angela Merkel – ein Rollenmodell für Christen in der Politik

Neben Hildegard Knef und Nina Hagen wünschte sich Angela Merkel für ihren Zapfenstreich zuletzt auch das Kirchenlied "Großer Gott, wir loben dich". Für Joachim Frank sagt diese Wahl viel über den Glauben der scheidenden Bundeskanzlerin aus.

Von Joachim Frank |  Bonn - 07.12.2021

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Von roten Rosen und Farbfilmen war viel die Rede in den vergangenen Tagen. Vom großen Gott schon weniger. Und tatsächlich erschien ein Kirchenlied noch als Angela Merkels konventionellste Wahl für die "Serenade" beim Großen Zapfenstreich. Für die Interpreten war es jedenfalls die idiomatischste Wahl. Das Musikkorps der Bundeswehr klang da fast wie ein Posaunenchor beim Evangelischen Kirchentag.

Und dennoch: Es ist bemerkenswert, dass zu Merkels musikalischem Dreischritt, bei dessen Zusammenstellung man sich die Kanzlerin mit Lachfältchen und zuckenden Mundwinkeln denken darf, eben nicht nur die Reminiszenz an ihre Jugend in der DDR (Nina Hagen) und die sanft-ironische Reverenz an die Emanzipation (Hildegard Knef) gehörten, sondern auch das christliche Bekenntnis. Und das in der denkbar affirmativsten Form: "Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke ...", mehr Kirchenfeeling – ökumenisch übrigens – und mehr Pathos geht kaum.

Wie bei bestimmten anderen Hymnen auch empfiehlt es sich, nicht nur die erste Strophe zu beachten. In Strophe 6 zum Beispiel wechselt die Perspektive vom himmlischen Lobpreis zum Blick auf unser irdisches Dasein. "Du, des Vaters ewger Sohn, hast die Menschheit angenommen, / bist vom hohen Himmelsthron zu uns auf die Welt gekommen."

Der christliche Glaube ist weltverbunden und damit eminent politisch. Merkel hat das verstanden und gelebt, ohne dass sie es ständig vor sich hergetragen oder bei jeder passenden (und unpassenden) Gelegenheit gepredigt hätte. Ihre Flüchtlingspolitik im Jahr 2015 war – wenn man so will – der säkuläre Ernstfall eines Werks der Barmherzigkeit.

Merkel hinterlässt damit nach 16 Jahren Kanzlerinnenschaft auch ein Rollenmodell für Christinnen und Christen in der Politik. Manchen Kirchenleuten hat sie damit nicht imponieren können. "Sie und mich trennten wohl Lichtjahre", schrieb der frühere Kölner Kardinal Joachim Meisner in seiner späten Autobiographie. Und "fassungslos" sei er gewesen – über die geschiedene Familienministerin aus einer C-Partei mit geschiedenem Mann in einer Beziehung "ohne Trauschein". Fassungslos auch, "wie unsensibel unserer Kirche gegenüber" Helmut Kohl mit Merkels Ernennung agiert habe.

Unsere Kirche. Als ob sie immer noch das Zentralgestirn wäre, um das sich alles drehte. Womöglich bleibt die scheidende Kanzlerin auch als Zeugin einer neuen kopernikanischen Wende in Erinnerung. Christentum ist mehr als Kirchenregiment, Dogma und eine sehr spezielle Moral. Vielleicht können diesen Mehrwert auch jene in der Gesellschaft schätzen, die mit "unserer Kirche" nur mehr wenig bis gar nichts anzufangen wissen.

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist "DuMont"-Chefkorrespondent und Mitglied der Chefredaktion des "Kölner Stadt-Anzeiger". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP). Die GKP verleiht mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Katholischen Medienverband jährlich den Katholischen Medienpreis.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.