Standpunkt

Das System Vatikan ist träge und intransparent

Aktualisiert am 23.12.2021  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Im Vatikan ziehen sich immer wieder erwartbare Entscheidungen. Das liegt an einem der heutigen Zeit nicht mehr genügenden Arbeitssystem, kommentiert Christoph Paul Hartmann. Er wünscht sich professionelle Strukturen und mehr Transparenz.

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Kardinal Peter Turkson wartet. Er wartet auf den Papst – beziehungsweise dessen Entscheidung darüber, ob er nach dem normalen Fünf-Jahres-Turnus sein Amt als Präfekt des Dikasteriums für die gesamtheitliche Entwicklung des Menschen behalten soll oder nicht. Um diese Frage hatte es schon Gerüchte gegeben. Ob er bleibt und wenn nicht, wer ihm nachfolgt – alles völlig unklar.

Der Fall Turkson ist symptomatisch für das oft sehr intransparente Vorgehen des Vatikan: Schon beim Liturgiepräfekten Kardinal Robert Sarah stand lange nicht fest, wann der Papst dessen Rücktritt annimmt und wer ihm nachfolgt – wohlgemerkt bei Amtsperioden, deren Ende ebenso klar feststeht wie das Geburtsdatum der Kardinäle und damit der Zeitpunkt, wann sie ihren altersbedingten Rücktritt anbieten müssen.

Das System Vatikan ist träge und intransparent. Das fiel zuletzt bei den langen Wartezeiten auf, als es um die Zukunft vom Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki oder seinem Hamburger Kollegen Stefan Heße ging. Oder wenn bei so manchem Papier fraglich ist, wer es gelesen, geschweige denn geschrieben hat.

Eine Wurzel des Problems ist die Art, wie im Vatikan regiert wird: Der Papst empfängt zu Audienzen und tauscht sich dort jeweils einzeln mit seinen Mitarbeitenden und Kirchenleuten aus aller Welt aus. Er hat (im Idealfall) alle Informationen – nur er. Informations- und Meinungsaustausch der wichtigsten Lenker, etwa vergleichbar mit Kabinettssitzungen, sieht das System nicht vor. So wissen unterschiedliche Akteure oft nicht, was die anderen wissen oder tun. Das wäre für ein winziges Fürstentum im 18. Jahrhundert vielleicht noch in Ordnung, für eine Weltkirche im 21. Jahrhundert ist das völlig unangemessen – und unprofessionell.

Der Vatikan braucht seiner Größe angemessene, effektive und effiziente Strukturen, die rechtzeitig erwartbare Veränderungen wahrnehmen und bearbeiten. Es kann nicht alles ausschließlich immer in der Hand des Papstes liegen, es braucht klare Verantwortlichkeiten, öffentlich einsehbare Prozessabläufe, Austausch und mehr Kommunikation – untereinander sowie nach außen. Eine solche Transparenz etwa bei der Besetzung entscheidender Posten könnte ein Baustein zu mehr Glaubwürdigkeit und Wertschätzung der Menschen gegenüber dem Vatikan sein. Zwar hat Franziskus eine Kurienreform angestoßen. Was dabei aber rauskommt? Das weiß höchstens der Papst.

Von Christoph Paul Hartmann

Der Autor

Christoph Paul Hartmann ist Redakteur bei katholisch.de.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider.