Standpunkt

Papst Franziskus hat noch einiges vor – aber was?

Aktualisiert am 28.12.2021  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Einige sähen ihn am liebsten tot, mutmaßte Papst Franziskus im Sommer. Doch der Pontifex hat noch einiges vor: Sein Einsatz für Arme und Marginalisierte ist radikal. Etwas mehr von dieser Radikalität wünscht sich Tilmann Kleinjung auch für die Kirche.

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Papst Franziskus ist wieder obenauf. Im doppelten Wortsinn. Den Segen "Urbi et Orbi" spendete er am 1. Weihnachtsfeiertag von der Loggia des Petersdoms, nachdem das traditionelle Weihnachts- und Osterritual zuletzt wegen der Pandemie in Innenräume verlegt worden war, um größere Menschenansammlungen zu vermeiden. Und der Papst präsentiert sich nach seiner Darm-OP im Sommer kraftvoll und kämpferisch. Nach dem keineswegs harmlosen Eingriff Anfang Juli gab es sogar Rücktrittsgerüchte. Man darf annehmen, sie wurden gezielt gestreut von jenen, die es kaum erwarten können, einen neuen Papst zu wählen.

Franziskus kennt seine Pappenheimer: "Ich lebe noch, auch wenn einige Leute wollten, dass ich sterbe", sagte er bei einem Treffen mit Jesuiten in der Slowakei im September. Wer so spricht, hat noch einiges vor. Der synodale Prozess, der im Oktober startete, ist auf zwei Jahre angelegt. Franziskus will seine Kirche verändern – aber auf seine Weise. Nur nichts übers Knie brechen. Katholikinnen und Katholiken, die etwas verändern wollen, brauchen einen langen Atem. Seit Jahren lässt der Papst von verschiedenen Kommissionen die Frage prüfen, ob in der frühen Kirchengeschichte auch Frauen als Diakoninnen eingesetzt wurden. Das könnte bei der Entscheidungsfindung helfen, ob die Diakoninnenweihe heute möglich ist. Die Ungeduld an der Basis wächst, doch Papst Franziskus lässt sich nicht drängen. Oder will er vielleicht gar keine großen Veränderungen? Dieser Papst gibt uns immer wieder Rätsel auf.

Ganz eindeutig ist seine Mission: Franziskus will eine Kirche für andere, eine Kirche, die sich nicht selbst genug ist. Deshalb besucht er die Ärmsten der Armen, deshalb trifft er sich mit den Ausgestoßenen und Marginalisierten und redet den Mächtigen ins Gewissen, so wie an Weihnachten: "Wir riskieren, den Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung vieler unserer Brüder und Schwestern nicht zu hören." Franziskus ist ein radikaler Weltverbesserer. Ein wenig von dieser Radikalität würde auch seiner Kirche nicht schaden.

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Leiter der Redaktion Religion und Orientierung im Bayerischen Rundfunk (BR).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.