Standpunkt

Das Triage-Urteil ist richtig – löst aber das Problem nicht

Aktualisiert am 31.12.2021  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Ein Gesetz soll die Kriterien für eine Triage-Entscheidung festlegen. Doch damit werde man der Problematik nicht Herr, kommentiert Pater Max Cappabianca: Es werde immer Situationen geben, in denen der ethische Konflikt nicht zu lösen ist.

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Bei fehlenden medizinischen Ressourcen einen schwerkranken Menschen zu behandeln und dadurch den Tod eines anderen in Kauf zu nehmen, ist ein ethischer Grenzfall, den man keinem Arzt und keinem Betroffenen wünscht – weder dem Glücklichen, der behandelt wird, noch dem, der das Nachsehen hat. Und doch hat das Verfassungsgericht mit seinem Urteil zur sogenannten Triage an diese ethische Extremsituation erinnert. Behinderte hatten geklagt, und das Gericht hat ihnen Recht gegeben.

Die derzeitigen Richtlinien reichten nach Ansicht der Richter nicht aus, denn sie bergen die Gefahr, dass gerade Behinderte im Extremfall das Nachsehen haben könnten. Ein Gesetz müsse festlegen, nach welchen Kriterien und Modalitäten eine Entscheidung getroffen wird. Die Kirchen haben das Urteil zurecht begrüßt: Behinderte haben nicht weniger Recht auf eine Behandlung als Nicht-Behinderte!

Ob man dieser Problematik auf diese Weise Herr werden kann, bezweifle ich allerdings. Eine Verrechtlichung ärztlichen Handelns kommt in Extremsituationen wie der Triage an ihre Grenzen. Natürlich dürfen solche Entscheidungen nicht willkürlich gefällt werden, und gesetzliche Regelungen können helfen. Aber es wird immer Situationen geben, in denen der ethische Konflikt nicht zu lösen sein wird.

Das Problem ist, dass wir uns gesellschaftlich schwer tun, mit solchen Aporien zu leben. Deutlich wird das auch daran, dass nach Naturkatastrophen oder anderen Unglücksfällen Gerichte jahrelang mit der Aufarbeitung beschäftigt sind, um "Verantwortliche" dingfest zu machen! Bei der Triage ist das noch offensichtlicher, weil hier das Unausweichliche – der Tod eines Menschen, um einen anderen zu retten – von einer Person verantwortet wird.

Völlig klar ist, dass wir alles dafür tun müssen, damit eine Triage nicht notwendig wird, wie die Deutsche Bischofskonferenz in ihrer Stellungnahme deutlich gemacht hat. Es ist außerdem gut, Ärztinnen und Ärzte sowie die Pflegekräfte nicht nur medizinisch sondern auch ethisch zu schulen, um sie in ihrer Gewissensbildung zu unterstützen.

Ich glaube aber, dass wir vor allem den medizinischen Kräften einen gesellschaftlichen Vertrauensvorschuss gewähren müssen, der einschließt, ihnen die Macht und Verantwortung zuzusprechen, in solchen Extremsituationen entscheiden zu können, wohl wissend, dass es manchmal kein richtig oder falsch gibt – mit tragischen Folgen für diejenigen, denen die Behandlung verweigert werden muss. Ärztinnen und Ärzte dürfen nicht das Gefühl haben, immer schon mit einem Bein im Gefängnis zu stehen.

Die Gesellschaft sollte sich nicht der Illusion hingeben, alles durch Gesetze und Gerichte regeln zu können, sondern lernen, dass es Unverfügbares gibt – erst recht, wenn ein Mensch dazu gezwungen ist, über Leben und Sterben entscheiden zu müssen. Mit solchen Situationen umzugehen – vor allem im Nachhinein –, lehrt weder die Medizin noch die Juristerei. Andere Ebenen werden da berührt.

Von Pater Max Cappabianca

Der Autor

Der Dominikaner Max Cappabianca ist Leiter der Katholischen Studierendengemeinde Hl. Edith Stein in Berlin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.