Ein Umzug, viele Baustellen und immer weniger Mitglieder

Den Kirchen stehen 2022 wichtige Entscheidungen ins Haus

Aktualisiert am 01.01.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Die Herausforderungen bleiben: Auch 2022 wird die beiden großen Kirchen die Aufarbeitung von Missbrauch weiter beschäftigen. Dazu steht die Frage im Raum, welche Relevanz Kirche in einer zunehmend kirchenfernen Gesellschaft entfalten kann.

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Am Aschermittwoch ist sie vorbei: die Auszeit des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki. Am 2. März will der 65-Jährige wieder die Leitung seines Erzbistums übernehmen. Die Diskussion um seine Rolle beim Umgang mit sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche dürfte damit allerdings nicht beendet sein. Erst recht nicht, nachdem bekannt wurde, dass der Erzbischof für Gutachter, Medienanwälte und Kommunikationsberater rund 2,8 Millionen Euro ausgab – im Gegensatz zu 1,5 Millionen Euro, die seit 2010 an Betroffene von Missbrauch gingen.

Neben Köln steht ein weiteres Erzbistum in der gleichen Angelegenheit zu Beginn des neuen Jahres im Fokus. Mitte Januar 2022 werden die Anwälte der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) ihr Gutachten zum Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs im Erzbistum München und Freising der Öffentlichkeit vorstellen. Die Präsentation wird auch international mit Aufmerksamkeit verfolgt. Denn es geht um das Verhalten etlicher prominenter kirchlicher Verantwortungsträger im Zeitraum von 1949 bis 2019, darunter der inzwischen emeritierte Papst Benedikt XVI.. Er war als Joseph Ratzinger von 1977 bis 1982 Erzbischof von München und Freising.

Auch in der Evangelischen Kirche wächst der Druck

Bei der Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe vom 7. bis 10. März im oberfränkischen Wallfahrtsort Vierzehnheiligen dürfte es an Gesprächsstoff jedenfalls nicht mangeln. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) dagegen segelte bei der Missbrauchsdebatte lange im Windschatten der katholischen Kirche. Doch auch hier wächst der Druck. Die neue EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus kündigte an, das Thema zur Chefinnensache machen zu wollen. Und die Synode will künftig die Aufarbeitung bei jedem Treffen des Kirchenparlaments auf die Tagesordnung setzen.

Bild: ©picture alliance/Associated Press/Ina Fassbender

Anfang März kehrt der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki aus seiner Auszeit zurück. Die Debatten über ihn dürften allerdings weitergehen.

Unterdessen geht der Mitgliederschwund in beiden großen Kirchen weiter – nicht zuletzt auch als eine Folge des Missbrauchsskandals. Manche Beobachter sehen bald schon einen "Kipppunkt" erreicht: Der Tag sei nicht mehr fern, an dem erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik der Anteil von Katholiken und Protestanten an der Gesamtbevölkerung unter die Marke von 50 Prozent zu rutschen drohe. Die Statistiken, die üblicherweise im Sommer vorliegen, dürften das diesmal allerdings noch nicht hergeben.

"Die Zahlen zur Kirchenzugehörigkeit und Bindung sind Alarmsignale", sagte jetzt auch der Limburger Bischof und Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Die Kluft zwischen Kirche und Gesellschaft werde größer, insbesondere "in Fragen von Sexualität, Partnerschaft, Gleichberechtigung von Frauen und Männern".

Heikle Punkte auf Ampel-Agenda

Wie kann sich diese Kirche in einer zunehmend kirchenfernen Gesellschaft dennoch Gehör verschaffen? Eine knifflige Frage, auch mit Blick auf die Lobbyarbeit im politischen Berlin. Die neue Ampel-Regierung unter Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hat mehrere Vorhaben auf der Agenda, bei denen Kirchenvertreter genauer hinschauen wollen. Beim Lebensschutz oder bioethischen Fragen werde man "sicher in einen kritischen Dialog treten müssen", sagte beispielsweise der Vertreter der Bischöfe in Berlin, Karl Jüsten, in einem Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Zugleich greife der Koalitionsvertrag in vielen Bereichen Anliegen der Kirchen auf, etwa soziale Fragen, beim Klimaschutz oder der Migration, so Jüsten weiter. Themen, die auch das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) auf dem Schirm haben wird. Ab Jahresbeginn verlegt das höchste repräsentative Gremium der katholischen Laien in Deutschland seinen Sitz von Bonn nach Berlin. Das neue ZdK-Präsidium um Irme Stetter-Karp kündigte bereits an, dass sich mit dem Umzug der Auftrag verbinde, das politische Profil des Katholikenkomitees zu schärfen.

Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

Ein großes Thema der beiden großen Kirchen bleibt der rasante Mitgliederschwund.

Präsenz zeigen wird für beide Kirchen angesichts der nicht enden wollenden Corona-Pandemie zu einer echten Herausforderung. Über Zusammenkünften aller Art vom Sonntagsgottesdienst bis zu Großveranstaltungen wie dem Katholikentag Ende Mai in Stuttgart oder der bereits einmal verschobenen Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen vom 31. August bis zum 8. September in Karlsruhe schwebt weiter das Damoklesschwert der Pandemie.

Das gilt auch für die beiden 2022 geplanten Vollversammlungen des Synodalen Wegs in Frankfurt. Die von Bischöfen und ZdK unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals gestartete Initiative will schon beim Treffen vom 3. bis 5. Februar möglichst konkrete Vorschläge für Reformen in der katholischen Kirche verabschieden. Zu den offenen Baustellen gehören eine stärkere Beteiligung von Frauen, Änderungen in der Sexualmoral und ein anderer Umgang mit Macht in der Kirche. Bei weitem nicht alles davon wird sich im Laufe des kommenden Jahres klären lassen.

Von Joachim Heinz (KNA)