Standpunkt

Grelles Licht in die dunklen Ecken der Kirche!

Aktualisiert am 11.01.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Nach und nach verschwindet die Weihnachtsbeleuchtung – die Gemüter sind noch ganz behaglich gestimmt. Grellweißes Licht in einer Kirche hat Agathe Lukassek die Gegenseite der Lichtsymbolik aufgezeigt: Die dränge zu Aufklärung und Frühjahrsputz.

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Ist Ihnen das schon einmal aufgefallen? In der christlichen Verkündigung wird die Lichtsymbolik zumeist einseitig positiv dargestellt. In Predigten über Feuer oder Wasser wird immer wieder auf die Ambivalenz verwiesen, auf Nahrungszubereitung und Zerstörung, auf Lebenselixier und Flut. Bei Licht wird es schnell betulich und behaglich: Jesus Christus ist das Licht, das die Finsternis vertreibt und den Tag nach der langen Nacht bringt. Mit Kerzen in der Kirche und leuchtendem Weihnachtsschmuck wird es erst recht gemütlich.

Die andere Seite des Lichts kommt nicht zur Sprache, dabei ist sie aktueller denn je. "Licht ins Dunkel bringen" bedeutet auch aufdecken und sichtbar machen, was verborgen war. Aufgefallen war mir das im frisch sanierten Bonner Münster, das seit einigen Wochen in neuem Licht erscheint, begleitet von der Kunstausstellung "Licht und Transparenz". Alles wunderschön und warm und bunt – bis auf die Installation "StripLight" von Monica Bonvicini. Knapp 20 Neonröhren hängen im linken Querschiff senkrecht von der Decke und leuchten grellweiß. Unten an den Leuchtröhren sind Ledergürtel angebracht. Gürtel ohne Hosen wecken bei nicht wenigen Menschen Assoziationen an körperliche Misshandlungen und sexuelle Gewalt. Grelles Licht, Missbrauch, Kirche – in der Ecke der Ausstellung möchte man eigentlich so schnell wie möglich weg und sollte es doch nicht. Die Installation bringt zum Nachdenken.

Nun wird die Weihnachtsbeleuchtung allerorten abgehängt und das Tageslicht scheint wieder länger auf den Schmutz in der Welt. Es ist die Zeit gekommen, die unangenehme Eigenschaft des Lichts, Verborgenes zu Tage zu bringen, anzunehmen. Für die Kirche heißt das: Den Missbrauch nicht weiter vertuschen und die Aufarbeitung verschleppen, sondern beherzt einen Frühjahrsputz anzugehen. Nicht nur jetzt in diesem Januar – kommende Woche erscheint das Münchner Missbrauchsgutachten – sondern jeden Tag, jahrelang, bis es nichts mehr aufzudecken gibt.

Von Agathe Lukassek

Die Autorin

Agathe Lukassek ist Leiterin der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Hildegardis-Verein mit Sitz in Bonn.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.