Standpunkt

Mein Kirchenwunsch für 2022: Mehr Ungemütlichkeit wagen

Aktualisiert am 14.01.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Haben sich die Kirchen gesellschaftlich zu sehr angepasst? Pater Nikodemus Schnabel erscheinen sie manchmal wie gezähmte Raubkatzen in einem Zoo, die vor allem ihre Ruhe wollen. Fürs neue Jahr wünscht er sich mehr Mut zu politischer Ungemütlichkeit.

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In der deutschen Mehrheitsgesellschaft verfestigt sich immer mehr der Gedanke, dass Religion durchaus ein interessantes Kulturphänomen sei, das manchen Menschen Heimat gebe und im sozialen Bereich und im Bildungssektor zum Zusammenhalt der Gesellschaft positiv beitrage; grundsätzlich sei es aber gut, wenn der Staat ganz genau hinschaue, wie und wozu die Religionen und Glaubensgemeinschaften sich äußerten und eine stärkere staatliche Kontrolle und Interventionen seien doch wünschenswert. Um es vielleicht in ein Bild zu bringen: Die Kirchen und Glaubensgemeinschaften werden wie wilde Raubkatzen im Zoo betrachtet, die durchaus nicht frei von Faszination sind, die aber im Zoo in ein Gehege gehören, und zwar am besten hinter Glaswand und Gitterstäbe – und die Verantwortlichen im Zoo, die Politik, sollten doch bitte darüber nachdenken, ob der Umgang mit diesen Raubkatzen bisher nicht zu lax gehandhabt wurde.

Und die Kirchen selbst? Sie wirken, als ob sie das ganz gut für sich verinnerlicht hätten. Sie sehen sich selbst als diese Raubkatzen im Zoo, die aber nun Angst um ihr Gehege und um ihre Fütterungszeiten haben und durch Wohlverhalten beweisen wollen, dass von ihnen keine Gefahr für den Rest des Zoos ausgehe und sie doch bitte ihr angestammtes Gehege behalten dürfen.

Woher kommt das übergroße Vertrauen in den Staat in Deutschland? Ist er wirklich die moralische Überinstanz, der man sich am besten gehorsam schnurrend anschmiegt? Lebt eine Demokratie nicht gerade von Fortschritt durch Widerspruch? Ist es nicht auch Aufgabe der Religion, wie ja auch der anderen zivilgesellschaftlichen Akteure, staatliche Player zu inspirieren, zu relativieren und zu korrigieren? Ist eine zu große unkritische Staatsnähe nicht sogar Verrat an der eigenen Sache?

Es freut mich, dass nach mehreren großartigen Ordensfrauen, die sich im Hinblick auf das Recht auf Kirchenasyl mit den staatlichen Autoritäten in den letzten Jahren angelegt haben, nun der Jesuit Jörg Alt den offenen Konflikt sucht in Bezug auf die bislang immer noch skandalöse Kriminalisierung des "Containerns" in Deutschland. Weitere Felder tun sich auf, wenn ich an die inhumanen Arbeitsbedingungen vieler moderner Sklavinnen und Sklaven in Deutschland denke (erwähnt seien exemplarisch nur die etwa 30.000 "illegalen" Arbeitsmigrantinnen und -migranten aus den Philippinen oder der schon wieder aus den Schlagzeilen verschwundene Tönnies-Skandal).

Ich wünsche mir für 2022 von den Kirchen in Deutschland mehr Mut zur Ungemütlichkeit, wenn die Botschaft des Evangeliums hierzu drängt!

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Der Jerusalemer Benediktinermönch Nikodemus Schnabel OSB ist Lateinischer Patriarchalvikar für alle Migranten und Asylsuchenden und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.