Vor 77 Jahren wurde der NS-Gegner hingerichtet

Dem Märtyrer ins Auge sehen: Domkirche erhält Eugen-Bolz-Denkmal

Aktualisiert am 23.01.2022  –  Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Einer der wichtigsten Glaubenszeugen Württembergs erhält ein neues Denkmal in Stuttgart: Der von den Nationalsozialisten ermordete Politiker Eugen Bolz bekommt einen Ehrenplatz an der Konkathedrale St. Eberhard. Sein Zeugnis ist heute noch bedeutend.

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An der Fassade der Stuttgarter Domkirche St. Eberhard wird gearbeitet: Die Mauer wird aufgebrochen, um einer Nische Platz zu machen, in der eine Büste von Eugen Bolz eingelassen werden soll. Der Politiker, der sich im Widerstand gegen das NS-Regime engagiert hatte und dafür ermordet wurde, ist mit der Konkathedrale des Bistums Rottenburg-Stuttgart eng verbunden: "In seinen Stuttgarter Lebensjahren war die Domgemeinde St. Eberhard 'seine' Gemeinde", erläutert der Stadtdekan und Rektor der Kirche, Christian Hermes. "Eugen Bolz ist einer der wichtigen Glaubenszeugen der Zeit des Nationalsozialismus für unsere Region", betont er. Bis heute sei Bolz ein Vorbild als christlicher Politiker und als politischer Christ.

Die Rolle des Widerstandskämpfers war für den württembergischen Staatspräsidenten Eugen Bolz nicht eindeutig vorgezeichnet. Der Politiker der Zentrumspartei, der in einer Koalition mit der Deutschnationalen Volkspartei Württemberg regierte, äußerte sich zwar schon in den 1920er kritisch gegenüber den Nazis; 1923, nach dem gescheiterten Hitler-Ludendorff-Putsch, lässt er als württembergischer Innenminister Spitzenfunktionäre der NSDAP verhaften. Zunächst unterschätzte er jedoch die Gefahr und dachte später sogar über eine politische Zusammenarbeit als notwendiges Übel nach. 1932 fielen sogar wohlwollende Worte über Adolf Hitler. "Seine Auffassungen decken sich im Allgemeinen weitgehend mit den unseren", schrieb Bolz nach einer Begegnung in einem Brief an seine Frau Maria. Die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler im Januar 1933 sah er noch als politische Notwendigkeit an. Doch die Einschätzung änderte sich schnell, die nationalsozialistische Weltanschauung schien ihm bald ein "Rausch" zu sein, aus dem es ein böses Erwachen geben würde. Dem Ermächtigungsgesetz stimmte Bolz im März 1933 noch mit Bedenken zu, auch wenn er sich in der Reichstagsfraktion des Zentrums dagegen ausgesprochen hatte. Im selben Monat wechselte die Macht in Württemberg, er wurde abgesetzt, ein nationalsozialistischer Staatspräsident übernahm das Ruder.

„Politik ist für mich nichts anderes als praktische Religion.“

—  Zitat: Eugen Bolz

Die Nationalsozialisten hatten ihn schon früh als Feind erkannt: Im Juni 1933 wurde Bolz in "Schutzhaft" genommen. Vor seinem Verhör im Stuttgarter Hotel Silber, das der Schutzhaft voran ging, sei er noch in St. Eberhard in der Messe gewesen, berichtet Hermes. Nach seiner Freilassung zog sich der ehemalige Staatspräsident zunächst ins Privatleben zurück, wirkte als Rechtsberater für die Caritas und Steuerberater für das Kloster Beuron, wo er unmittelbar nach seiner Haft untergekommen war. In dieser Zeit entstanden auch erste politische Schriften, in denen er sich mit der Naziherrschaft befasste; in einem erst postum veröffentlichten Werk setzte er sich mit dem Notwehrrecht des Volkes bei "offensichtlichem und dauerndem Missbrauch der Staatsgewalt" auseinander.

Über christliche Gewerkschafter fand Bolz Anfang der 1940er Jahre Anschluss an den Widerstandskreis um Carl Friedrich Goerdeler. Den ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister kannte Bolz noch aus seiner Tübinger Studienzeit. Nach einem Umsturz sollte Bolz in die neue Regierung eintreten, im Gespräch waren das Innen- und später das Kulturministerium. Doch das Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler scheiterte. Bolz, der den "Tyrannenmord" eigentlich ablehnte, wurde denunziert, im August verhaftet, im Dezember vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und am 23. Januar 1945 in Plötzensee mit dem Fallbeil ermordet.

Ein Mäppchen mit einem Kreuz steht in einem Rahmen in der Kirche San Bartolomeo all’Isola
Bild: ©KNA-Bild (Archivbild)

Eugen Bolz' Frau Maria brachte ihrem Mann mit diesem Stoffmäppchen die Kommunion ins Gefängnis. Heute ist es in der römischen Märtyrerkirche San Bartolomeo all’Isola ausgestellt.

Vor seinem Tod empfing Bolz noch einmal die Heilige Kommunion – das Mäppchen, in dem ihm der Leib Christi ins Gefängnis gebracht wurde, befindet sich heute in der Kirche San Bartolomeo all’Isola, dem römischen Gedenkort für die Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Seine Frau berichtete über ihre letzten Besuche bei ihrem Mann im Gefängnis, dass er sein Schicksal gefasst ertragen habe: "Sein Wesen ist ganz vergeistigt. Er ist so innerlich geworden, dass man förmlich fühlt, er lebt ganz in Gott." An seine Frau und seine Tochter Mechthild schrieb er aus der Zelle: "Ich bitte Euch, nehmt es hin als das mir von Gott bestimmte Kreuz. Ich habe wenigstens die Gnade, vorbereitet zu sterben und vielleicht einer bösen Zeit zu entgehen." Am Stuttgarter Königsbau, in der heutigen Bolzstraße, ist ihm ein mannshohes Bronzerelief des Künstlers Alfred Hrdlicka gewidmet, das ihn betend und gefesselt unter einem Galgen darstellt.

An diese letzten Tage wird auch die neue Gedenkstätte erinnern. Die durch den Rottenburger Künstler Ralf Ehmann gestaltete Büste, die in die Wandnische der Domkirche eingelassen werden soll, zeigt Bolz kurz vor seinem Tod, wie er abgemagert vor dem Präsidenten des Volksgerichtshofes Roland Freisler steht. Eine Inschrift zeigt ein Zitat des Ermordeten: "Politik ist für mich nichts anderes als praktische Religion." Der Blick der Büste richtet sich in die Innenstadt; St. Eberhard liegt mitten an der Haupteinkaufsstraße der baden-württembergischen Hauptstadt. Wer an der Kirche entlang geht, blickt Bolz in die Augen.

"Es ist uns wichtig, gerade auch angesichts der Herausforderungen unserer demokratischen Gesellschaft wie des christlichen Glaubens, in dieser Zeit an diesen herausragenden politischen Christen und christlichen Politiker zu erinnern", begründet der Stadtdekan, warum die Gedenkstätte gerade jetzt errichtet wird. Die Verbundenheit des Bistums und der Stadtkirche mit Bolz besteht schon länger. Jährlich gedenkt die Gemeinde am Todestag und legt am Denkmal in der Bolzstraße einen Kranz nieder. 2018 wurde eine der beiden neuen Glocken von St. Eberhard Eugen Bolz gewidmet; seine Glocke klingt seither zusammen mit der dem Jesuiten Rupert Mayer gewidmeten Glocke. Der gebürtige Stuttgarter Mayer, der in der Eberhardskirche getauft wurde und Primiz feierte, war wie Bolz ein Gegner des Nationalsozialismus, überlebte den NS-Staat aber um wenige Monate. Der Jesuit, dem auch eine Seitenkapelle im Dom gewidmet ist, wurde 1987 seliggesprochen – das steht für Bolz noch aus.

Sein Seligsprechungsverfahren läuft noch. Bereits 1999 wurde er als Blutzeuge in das "Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts" aufgenommen. Wann die Seligsprechung folgt, ist noch nicht bekannt. "Wir hoffen, dass das Martyrium von Eugen Bolz bald dazu führen wird, dass er seliggesprochen und damit 'zur Ehre der Altäre' erhoben wird: und damit auch für die gesamte Kirche sein Gedenken und die Vorbildlichkeit seines Lebenszeugnisses festgehalten wird", betont der Stadtdekan.

Von Felix Neumann