Von Kirchenleitung starkes Votum für traditionelle Strukturen

Soziologin: Gleichberechtigung in Kirche noch in Warteschleife

Aktualisiert am 22.01.2022  –  Lesedauer: 

Köln ‐ Sollte es katholische Priesterinnen geben? Diese Debatte hat durch die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen eine "neue Brisanz" bekommen, meint die Soziologin Annette von Alemann. Denn die Frage von Missbrauch und Männlichkeit stehe im Raum.

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Die Debatte um ein mögliches Priesteramt von Frauen erhält aus Sicht der Kölner Soziologin Annette von Alemann eine "neue Brisanz" durch die Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der Kirche. "Es wird zu Recht danach gefragt, ob eine Kirche, die im Wesentlichen von Männern geführt wird, Missbrauch und seine Vertuschung begünstigt", sagte Alemann am Samstag in einem Interview des kirchlichen Kölner Internetportals domradio.de.

"Frauenverbände beteiligen sich an der Aufarbeitung der Ursachen und fordern eine Veränderung der Strukturen innerhalb der Kirche. Da ist ganz viel in Bewegung." Andererseits kämen aus Rom widersprüchliche Signale, sagte die Soziologin – "und ich persönlich nehme von Seiten der Kirchenleitung ein starkes Votum für die Beibehaltung der bestehenden, traditionellen Strukturen wahr. Ich habe den Eindruck, auch wenn vieles in Bewegung zu sein scheint: In der Kirche hängt die Gleichberechtigung noch in der Warteschleife."

Männeranteil über 70 Prozent

Im Jahr 2005 waren Alemann zufolge in den Bistumsverwaltungen in Deutschland lediglich 5 Prozent Frauen auf höheren und 13 Prozent auf mittleren Führungspositionen tätig. 2018 seien es 19 beziehungsweise 23 Prozent gewesen – "was bedeutet, dass der Männeranteil immer noch bei 81 beziehungsweise 77 Prozent liegt". Zudem gebe es immer noch Bistümer mit keiner Frau auf einer höheren Leitungsebene. "In der Öffentlichkeit ist bislang sowieso eher unbekannt, dass es bei den Katholiken überhaupt Frauen in Leitungsfunktionen gibt."

Alemann sagte, sie wisse aus ihrer Forschung, dass Frauen diese Tätigkeiten häufig weniger zugetraut würden als Männern, weil von vornherein angenommen werde, dass sie Familienaufgaben übernehmen und deshalb eine Führungsposition nicht ausfüllen könnten. "Traditionelle Frauen- und Familienbilder hindern Frauen daran, ihr ganzes Leistungspotenzial zu zeigen und auch zeigen zu dürfen." Außerdem fehle es an weiblichen Vorbildern. (KNA)