Standpunkt

Nach Missbrauchsgutachten: Gebot der Stunde des Synodalen Wegs

Aktualisiert am 26.01.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ "Nie wieder!" lautet oft das Motto nach neuen schockierenden Nachrichten aus dem Themenkomplex Kirche und Missbrauch. Doch dieser Reflex ebbt schnell wieder ab, beobachtet Joachim Frank. Stattdessen: Stellungskämpfe auf dem Synodalen Weg.

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Katastrophen, besonders menschengemachte, lösen mit dem Entsetzen einen doppelten Reflex aus: Sorge für die Opfer und ein beherztes "Nie wieder!" So haben auch Kirchenvertreter reagiert, als das Ausmaß des Missbrauchsskandals offenbar wurde.

Seit zehn, wenn nicht 20 Jahren wiederholen sich nun die Betroffenheitsbekundungen der Bischöfe, zuletzt in München. Nach der Präsentation des dortigen Missbrauchsgutachtens ließ von Rom aus auch der zurückgetretene Papst Benedikt XVI. seinen Sekretär die "Scham und Bedauern"-Litanei anstimmen. Doch der Reflex des "Nie wieder!" scheint mit der Zeit wie erloschen. Kurz regt er sich gelegentlich, wie zuletzt in der vorigen Woche. Aber dann? Lange Leitung, lange Bank.

Nichts lässt die Misere deutlicher werden als die Stellungskämpfe auf dem Synodalen Weg. Ursprünglich – Reflex! – hatten die Bischöfe ihn als Diskussions- und Entscheidungsforum für strukturelle Konsequenzen aus dem Missbrauchsskandal konzipiert. Drei Jahre und noch mehr Gutachten später genieren sich die Gegner immer noch nicht, das böse Wort von einer Instrumentalisierung oder dem "Missbrauch des Missbrauchs" gegen den Synodalen Weg zu wenden. Die verbreitete Empörung nach dem Gutachten der Münchner Kanzlei WSW ist nach dieser Lesart nicht etwa die natürliche Reaktion eines jeden Menschen, der lesen und mitfühlen kann; nicht der Impuls, der – zum wer weiß wievielten Mal – auf ein Handeln zugunsten der Betroffenen drängt.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer sieht in den Reaktionen auf München das Feuer flackern, "auf dem die Suppe des Synodalen Weges gekocht wird". Das ist die gleiche Logik, nach der er sich in der zweiten Synodalversammlung gegen ein "unfehlbares Lehramt der Betroffenen" wandte. In Wahrheit ist es aber der Schrei der Opfer und deren Leid, die der Kirche aufgeben, was sie zu tun hat. In seinem Schreiben an die Kirche von Irland (2010) identifizierte Papst Benedikt das Leiden Christi mit dem Leid der Missbrauchsopfer. Aus ihnen spricht Christus. Und "was er euch sagt, das tut" (Johannes 2,5).

Das ist für den Synodalen Weg das Gebot der Stunde – theologisch, strukturell, spirituell. Nach dem WSW-Gutachten jetzt erst recht oder besser: immer noch. Hinter dem "Zeitpunkt der Veröffentlichung, der medialen Vorbereitung und der inhaltlichen Ausrichtung" der Münchner Studie steht nicht, wie Bischof Voderholzer insinuiert, eine finstere Verschwörung kirchenfeindlicher Kräfte. Vielmehr rührt München an den Reflex von Klerikern und Lai*innen mit der vielleicht letzten Chance, dass die Erschütterungsrhetorik nicht am Gemäuer einer unerschütterlichen Kirche abprallt und verhallt. Es könnte sonst ihr Zusammenbruch werden.

Von Joachim Frank

Der Autor

Joachim Frank ist "DuMont"-Chefkorrespondent und Mitglied der Chefredaktion des "Kölner Stadt-Anzeiger". Außerdem ist er Vorsitzender der Gesellschaft Katholischer Publizisten Deutschlands (GKP). Die GKP verleiht mit der Deutschen Bischofskonferenz und dem Katholischen Medienverband jährlich den Katholischen Medienpreis.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.