Nach der Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens

Ehrungen für belastete Bischöfe? Das könnte bald Vergangenheit sein

Aktualisiert am 27.01.2022  –  Lesedauer: 

Berlin/München ‐ Nach dem im Münchner Missbrauchsgutachten aufgelisteten Fehlverhalten der Erzbischöfe seit 1945 hat eine Debatte über den Umgang mit Ehrungen für die Kirchenmänner begonnen. Zwei Städte denken bereits über Konsequenzen nach, weitere dürften folgen.

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In Landau hat die Debatte ganz schnell begonnen. Die Veröffentlichung des Münchner Missbrauchsgutachtens war noch keinen Tag her, da erklärte der Oberbürgermeister der Stadt in der Pfalz, man werde jetzt beraten müssen, wie mit den Ehrungen für Kardinal Friedrich Wetter – der 1994 verliehenen Ehrenbürgerwürde und dem 2020 nach dem Kirchenmann benannten Kardinal-Wetter-Platz im Stadtzentrum – umgegangen werden solle. "Die belastenden Aussagen lassen vermuten, dass Konsequenzen folgen müssen", sagte Thomas Hirsch (CDU) wörtlich.

Hintergrund der Wortmeldung des Politikers waren die 21 Fälle von Fehlverhalten, die das am vergangenen Donnerstag veröffentlichte Gutachten der Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) dem ehemaligen Münchner Erzbischof (1982-2008) und gebürtigen Landauer Wetter attestiert hatte. Nennenswerte Aktivitäten des Erzbischofs mit Blick auf Beschuldigte oder einer Aufklärung seien von einzelnen Ausnahmen abgesehen nicht ersichtlich, sagte Rechtsanwalt Martin Pusch bei der Vorstellung der Untersuchung. Wetter habe zudem eine mangelnde Kenntnis über die Dimensionen sexuellen Missbrauchs geltend gemacht. Dies sei angesichts der Berichterstattung, etwa über den Fall Groer und die Ereignisse in den USA, eine "wenig tragfähige Schutzbehauptung", so Pusch.

Linktipp: Das Münchner Gutachten dokumentiert das Multi-Systemversagen der Kirche

Auf fast 1.900 Seiten beschreibt das Münchner Missbrauchsgutachten einen Abgrund an Klerikalismus, Institutionenschutz und Führungsversagen. Was von jedem Kommunionkind in der ersten Beichte erwartet wird, wollen die Gutachter auch von den Verantwortlichen in der Kirche: Gewissenserforschung, Reue und Umkehr. Eine Analyse.

Auch wenn Wetter in einer am Dienstag veröffentlichten Stellungnahme doch noch Fehler eingestand und um Entschuldigung bat – die Diskussionen in Landau konnte der 93-jährige Kardinal damit nicht stoppen. Im Gegenteil: Ebenfalls am Dienstag bekräftigte die Kommune, noch in den ersten sechs Monaten dieses Jahres entscheiden zu wollen, wie mit den  Ehrungen für Wetter verfahren werde. Zunächst solle eine interne rechtliche Einschätzung und Auswertung der Darstellungen im Gutachten erfolgen. Sobald diese Bewertungen vorlägen, sollten sie den städtischen Gremien vorgelegt werden. Die letzte Entscheidung über eine mögliche Aberkennung der Ehrungen müsse dann der Stadtrat treffen.

Eine Debatte wie in Landau dürfte auch in anderen deutschen Kommunen bevorstehen. Schließlich wurde im Münchner Missbrauchsgutachten nicht nur Friedrich Wetter Fehlverhalten attestiert. Auch alle anderen Münchner Kardinäle seit dem Zweiten Weltkrieg – Michael von Faulhaber (1917-1952), Joseph Wendel (1952-1960), Julius Döpfner (1961-1976), Joseph Ratzinger (1977-1982, der spätere Papst Benedikt XVI.) und Reinhard Marx (seit 2008) – haben laut den WSW-Anwälten als Erzbischöfe von München und Freising im Umgang mit Missbrauchsfällen Fehler gemacht. Und nach allen außer Marx sind in Deutschland Straßen und Plätze benannt, einigen von ihnen – allen voran Benedikt XVI. – wurden zudem Ehrenbürgerwürden zuteil.

Freisinger Domberg
Bild: ©Fotolia.com/animaflora

Auch die Stadt Freising (im Bild der Domberg mit dem Mariendom) denkt über eine Aberkennung der Ehrenbürgerwürden für Benedikt XVI. und Kardinal Friedrich Wetter nach.

Und tatsächlich: Ähnliche Töne wie aus Landau sind inzwischen auch aus Freising zu hören. Wie der "Münchner Merkur" am Dienstag berichtete, zeichnet sich im Stadtrat der Kommune über Parteigrenzen hinweg eine Mehrheit dafür ab, die 2010 verliehenen Ehrenbürgerwürden für Benedikt XVI. und Friedrich Wetter abzuerkennen. "Ich glaube nicht, dass beide weiterhin Ehrenbürger bleiben können", sagte Reinhard Fiedler von der Freien Wählergemeinschaft "Freisinger Mitte", der größten Fraktion im Stadtrat, der Zeitung. Allerdings sei die Angelegenheit für das Gremium derart wichtig, dass zunächst eine "breite und offene Debatte" stattfinden müsse. "Wenn die Ehrenbürgerwürde aberkannt werden soll, dann müssen wir das ganz sauber machen", so Fiedler. Dazu brauche es eine satte Mehrheit – am besten ein einstimmiges Votum.

Grünen-Fraktionssprecher Werner Habermeyer betonte mit Blick auf die Ehrungen für die beiden Kirchenmänner: "Es geht nicht, dass wir das in dieser Form aufrechterhalten." Grundvoraussetzung für einen Verbleib als Ehrenbürger sei eine "grundlegende Einsicht in das eigene Fehlverhalten", was zumindest bei Benedikt XVI. nicht erkennbar sei. Schon mit Rücksicht auf die Opfer könne der emeritierte Papst daher kein Ehrenbürger bleiben. Man werde das brisante Thema nun in der Fraktion und im Ortsvorstand besprechen, "um eine gemeinsame Linie zu finden" und schon bald offiziell Stellung nehmen.

Auch im benachbarten München gibt es erste Forderungen nach Konsequenzen. Grünen-Stadträtin Gudrun Lux, die auch Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) ist, twitterte kurz nach der Veröffentlichung des Missbrauchsgutachtens: "Vertuschern keine Ehre: Häuser und Straßen, die nach den Kardinälen Faulhaber, Wendel und Döpfner benannt sind, sollten rasch umbenannt werden. Es wäre ein erstes großes Zeichen." Gegenüber der Münchner Boulevardzeitung "tz" betonte sie zwar, dass die juristische Aufarbeitung der Missbrauchsfälle zentral sei. Wichtig sei aber auch, dass sich die Erinnerungs- und Verehrungskultur ändere – "das ist nicht nur Symbolpolitik". Man müsse kritisch hinterfragen, ob jemand, der Missbrauchstäter eingesetzt habe, noch Ehre verdiene.

In München sind drei Straßen nach belasteten Münchner Erzbischöfen benannt – die Kardinal-Faulhaber-Straße, die Kardinal-Wendel-Straße und die Kardinal-Döpfner-Straße; Kardinal Faulhaber ist zudem seit 1949 Ehrenbürger der bayerischen Landeshauptstadt. Bemerkenswert: Die Kardinal-Faulhaber-Straße steht schon seit einiger Zeit "unter Beobachtung" – allerdings nicht wegen Faulhabers Fehlverhalten im Umgang mit Missbrauchsfällen, sondern wegen seiner Rolle in der Zeit des Nationalsozialismus. Die nach ihm benannte Straße steht deshalb auf einer vom Münchner Stadtarchiv erstellten Liste mit 45 "belasteten" Straßennamen, die in den nächsten Jahren durch den Stadtrat umbenannt werden könnten.

Von links nach rechts: Porträtfotos der Kardinäle Faulhaber, Wendel und Döpfner
Bild: ©picture alliance/akg-images;KNA-Bild;KNA;Montage katholisch.de

Auch den ehemaligen Münchner Kardinälen Michael von Faulhaber, Joseph Wendel und Julius Döpfner (v. l.) wurde im Missbrauchsgutachten Fehlverhalten attestiert – auch das könnte für frühere Ehrungen Folgen haben.

Jenseits der größeren Städte ist die Diskussion um den weiteren Umgang mit den Ehrungen noch nicht so weit – sie dürfte aber auch dort bald Fahrt aufnehmen. Der Bürgermeister von Joseph Ratzingers Geburtsort Marktl am Inn, Benedikt Dittmann, betonte gegenüber katholisch.de, dass das Missbrauchsgutachten natürlich auch in Marktl "hohe Wellen" schlage. Bevor man jedoch eine Aberkennung der 1997 verliehenen Ehrenbürgerwürde prüfe, solle man dem emeritierten Papst "zunächst die Möglichkeit geben, das Gutachten zu lesen und eine eigene, detaillierte Stellungnahme dazu abzugeben". Und Andreas Bratzdrum, Bürgermeister von Ratzingers früherem Wohnort Tittmoning bei Traunstein, erklärte, dass sich der Stadtrat "zu gegebener Zeit" mit dem weiteren Umgang mit der 2007 verliehenen Ehrenbürgerwürde an Benedikt XVI. und dem 2014 nach dem emeritierten Papst benannten Papst-Benedikt-XVI-Weg beschäftigen werde.

Weitere Diskussionen dürften also folgen, zumal nach den fünf Kardinälen Faulhaber, Wendel, Döpfner, Ratzinger und Wetter bundesweit zusammen rund 50 Straßen und Plätze benannt sind. Und allein Benedikt XVI. wurden zudem neun Ehrenbürgerwürden verliehen. Viele dieser Ehrungen könnte aufgrund der Erkenntnisse des Münchner Missbrauchsgutachtens bald der Vergangenheit angehören.

Von Steffen Zimmermann