Lächeln wir in Spiegel, lächelt jemand zurück

"Man sieht nur mit dem Herzen gut"? Von wegen!

Aktualisiert am 31.01.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ "Spieglein, Spieglein an der Wand…": Zwar berufen wir uns oft aufs Innere, und doch spielt das Äußere eine große Rolle. Schwester Gabriela Zinkl entdeckt positive Seiten im Spiegel – und erkennt so, wie sie selbst zum Spiegel werden kann.

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"Spieglein, Spieglein an der Wand, …" – Wie oft habe ich heute schon in den Spiegel geschaut? Auf alle Fälle schon morgens beim Waschen, Zähneputzen und nach dem Anziehen, schnell noch vor dem Verlassen der Wohnung, beiläufig in den Rückspiegel des Autos, ansonsten öfters beim Händewaschen und sowieso bei jedem Blick in die Selfie-Kamera.

Wenn ich ehrlich bin, sind meine Antworten genauso wie die Frage bereits verräterisch. Denn so gut wie alles, das darin angeführt wird, steht nur einer ganz bestimmten Spezies unseres Planeten zur Verfügung. Es sind vorwiegend die "Reichen" und "Schönen", die all das ihr Eigen nennen dürfen, angefangen beim Spiegel, über ein (eigenes) Badezimmer, eine Wohnung, ein Auto, einen festen Schul- oder Arbeitsplatz und vieles andere mehr. Einen oder sogar mehrere Spiegel zu besitzen und noch dazu die Zeit zu haben, sich mit einem Blick darauf seiner selbst zu vergewissern, ist Luxus. Denn wer all das hat, steht auf der Sonnenseite des Lebens und hat schon sehr viel erreicht.

Auf das Innere kommt es an? Das widerlegen wir

Wie die Königin und Stiefmutter Schneewittchens, die ihrem Spiegel immer wieder die berühmte Frage gestellt hat, wohl ausgesehen haben mag? Darüber wissen wir nichts, außer dass sie wütend und eifersüchtig war, was schönem Aussehen nicht unbedingt zuträglich ist. Auf jeden Fall war sie durch ihre Heirat mit dem König reich geworden und konnte ein schönes Leben in einem Schloss führen. An keiner Stelle erzählt uns das Märchen, dass sie hässlich gewesen wäre. Im Gegenteil, sie war nur einfach nicht die Schönste von allen. Um das zu werden und die tausend Mal schönere Konkurrentin auszuschalten, setzte die Königin alles daran, verschenkte vergiftete Äpfel und ging buchstäblich über Leichen. Das hört sich ganz so an, als ob Schönheit die "ultima ratio", der Schlüssel zum Erfolg wäre, im Märchen wie im wahren Leben. "Manche Menschen sind schön. Da bleibt einem das Herz fast steh‘n. Man staunt und denkt: ,Verdammt nochmal, sowas von schön ist nicht normal.‘“ Schön zu sein und reich zu sein, das sind auch die großen Sehnsüchte einer Putzfrau und ihres Partners, Prospektverteiler von Beruf, in dem eine ganze Generation prägenden Lied "Schön sein" der Band „Die Toten Hosen“ (Text: Funny van Dannen).

Stopp. Da haben wir ihn, den Antagonismus zwischen Schön und Hässlich, Reich und Arm. Ist es hier und jetzt nicht an der Zeit, den christlichen oder moralischen Zeigefinger zu heben nach dem Motto "Man sieht nur mit dem Herzen gut, …"? Das klingt ja so schön, und wir können dem vorbehaltlos und kopfnickend zustimmen. Oder etwa nicht? Insgeheim widerlegen wir diesen hohen Anspruch tagaus tagein mit unserem Verhalten. Denn nicht unser Herz, sondern unser Auge entscheidet so oft: zwischen der fleckigen und der frischen Banane genauso wie zwischen der unattraktiven und attraktiven Bewerberin. Die Idealisierung der inneren Werte wird durch unser reales Verhalten in unserem Alltag permanent widerlegt: Schönheit zählt, und weil wir (noch) nicht perfekt sind, sind wir gerne bereit, auf dem Weg zur Selbstoptimierung sehr viel, ja zu viel zu investieren. Denn wir wollen nicht nur gut sein, sondern dabei auch gut aussehen. Nicht umsonst umwirbt uns die Schönheits-"Industrie" mit einem großen Angebot an Kosmetika, Kleidung, Fit- und Wellness bis hin zu operativen Eingriffen mit dem Ziel, nichts Geringeres in uns zu wecken als unsere Sehnsucht nach der "wahren" Schönheit – medial verstärkt durch die visuelle Dauerpräsenz des Schönen, Schlanken und Jugendlichen auf allen Kanälen. Einmal mehr legt sich der Verdacht nahe, dass nur der und die schön werden, die reich genug sind, sich dies alles leisten zu können.

Ein Ölgemälde der biblischen Szene des Sündenfalls.
Bild: ©katholisch.de

Ein Ölgemälde der biblischen Szene des Sündenfalls.

Das Aussehen ist zu einem wichtigen Teil unserer sozialen und beruflichen Kommunikation geworden. Das nervt bisweilen, ist aber bei weitem nicht neu, selbst Adam und Eva hatten im Paradies schon vergleichbare Probleme (siehe Genesis 3). Doch schon vor 2.500 Jahren heißt es in einem Gebet: "Du hast mein Inneres geschaffen, mich gewoben im Schoß meiner Mutter. Ich danke dir, dass du mich so wunderbar gestaltet hast" (Psalm 139, 14). Der biblische Beter scheint hier von seiner ihm von Gott geschenkten Schönheit überzeugt zu sein.

Schön bist du...

Vielleicht ist genau das das entscheidende Kriterium für Schönheit. Was ist "schön"? Was ist an einer Winterlandschaft oder einem Sonnenuntergang schön? Was bitte ist an einem Mädchen, einem Mann, einer 83-jährigen Frau inmitten ihrer Enkel, einem Einsiedler vor seiner Eremitenklause schön? Was ist an einer Braut, einem Bräutigam am Tag ihrer Hochzeit schön? Sicher das Brautkleid, der Anzug, die Blumen, der Schmuck, das Makeup, die Frisur. Doch vor allem: das Glück und die Freude in diesem Moment des absoluten Angenommenseins durch den anderen. Was für ein wunderschöner Anblick, einfach unbezahlbar!

Gut, dass es Spiegel gibt. Wenn ich hineinlächle, lächelt jemand zurück. Das ist ja schon mal was. Ich sollte mir öfters Zeit nehmen, in den Spiegel zu schauen und zu lächeln. Denn das erinnert mich daran, dass ich ein wunderbares und wunderschönes Geschöpf Gottes bin, einmalig und unverwechselbar. Das hat nichts mit Eitelkeit zu tun. Denn wenn ich aufmerksam in den Spiegel schaue, dann erkenne ich, dass ich selbst zu einem Spiegel für andere werden und ihnen widerspiegeln kann, wie schön und liebenswert sie sind. Das ist keine Vorspiegelung falscher Tatsachen, sondern eine nette Aufmerksamkeit, die bestimmt Freude macht.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.