Eine Diskussionsrunde zum Münchner Missbrauchsgutachten

Die Kritik von Betroffenen an Kirchenrichter Lorenz Wolf wächst

Aktualisiert am 28.01.2022  –  Lesedauer: 

München ‐ Am Vormittag hatte sich die Kirchenleitung zum Münchner Missbrauchsgutachten geäußert; am Abend diskutierte eine Expertenrunde darüber. Dabei gab es heftige Kritik am Umgang von Offizial Lorenz Wolf mit Betroffenen.

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Wie geht es weiter? Welche Schritte der Aufarbeitung sind möglich, welche Differenzierungen angebracht? Sechs Stunden, nachdem der Münchner Kardinal Reinhard Marx zum Missbrauchsgutachten Stellung genommen hatte, gab es noch einmal eine digitale Schalte in den großen Saal der Katholischen Akademie in Bayern. Deren Direktor Achim Budde hatte eine Runde von vier Experten versammelt, um mit ihnen eine erste Einordnung der Ereignisse zu wagen. Fast 500 Interessierte schalteten sich über den Livestream zu. Sie erlebten eine spannende Diskussion, die offenlegte, wo es noch fehlt und was schon getan wurde.

Das erste Wort hatte Richard Kick. Der 65-Jährige, Mitglied im Betroffenenbeirat der Erzdiözese, ist seit einer Woche dessen Stimme und Gesicht in der Öffentlichkeit. Als Ministrant war er jahrelang von einem Pfarrer missbraucht worden. Sein Fall wird im Gutachten behandelt. Die Erklärung von Marx nannte Kick ein "deutliches Zeichen", dass die Betroffenenperspektive ab sofort wirklich im Vordergrund stehen soll. Ob damit die Wende schon eingeleitet sei, beantwortete Kick zurückhaltend: "Da bin ich noch etwas pessimistisch."

Kick sieht Verantwortung bei Wolf

Die Vorsitzende des Münchner Katholikenrats, Hiltrud Schönheit, fragte sich, warum bisher nur wenige Betroffene den Schritt gewagt hätten, sich mit ihrem erlittenen Leid an die Erzdiözese München und Freising zu wenden. Eine "Teilantwort" konnte Kick geben. Er machte namentlich und mit harten Worten den obersten Kirchenrichter Lorenz Wolf verantwortlich. Diesem bescheinigte er eine "perfide Art" im Umgang mit Betroffenen im Verhör. Dadurch hätten sich diese erneut missbraucht gefühlt. Der Offizial habe damit eine Welle der Bereitschaft, sich zu offenbaren, die 2010 einsetzte, zum Erliegen gebracht.

Trotz seiner eigenen schlechten Erfahrung mit Wolf habe er noch einen anderen Betroffenen ermutigt, sich zu melden, berichtete Kick weiter. Der sei danach völlig fertig zu ihm gekommen und habe gesagt: "Ich werde da nie mehr hingehen." Keiner von ihnen habe sich nach diesen Erlebnissen noch getraut, weitere Betroffene zu Wolf zu schicken.

Bild: ©KNA/Robert Kiderle

Die Pressekonferenz zu Konsequenzen aus dem Münchner Missbrauchsgutachten fand am Donnerstagvormittag statt.

Der Prälat, der auch von den Gutachtern sehr kritisch beurteilt wird, lässt vorerst alle seine Ämter ruhen und will sich zu einem späteren Zeitpunkt zu den Vorwürfen äußern. Inzwischen fordert auch die katholische Münchner Verbandsjugend von Marx, Wolf dauerhaft zu entpflichten.

Der Sozialpsychologe Heiner Keupp lobte die "Genauigkeit und Klarheit", mit der die Anwälte gearbeitet hätten. Er plädierte dafür, die Münchner Weihbischöfe noch genauer unter die Lupe zu nehmen. Außerdem sollten eigene Studien für das Piusheim in Glonn oder das Traunsteiner Studienseminar Sankt Michael in Auftrag gegeben werden. In beiden Einrichtungen bestehe weiter Aufklärungsbedarf.

"Wir sagen jetzt, was zu tun ist"

Beim Thema Anerkennungsleistungen sieht Kick die bisherigen Einlassungen des Kardinals kritisch. Hier sei er in sein "altes Muster" des Klerikers zurückgefallen, meinte das Beiratsmitglied. Sein Gremium und die Aufarbeitungskommission würden aber dagegenhalten: "Wir sagen jetzt, was zu tun ist." Dabei kritisierte Kick nicht nur die inzwischen ausgehandelte Höchstsumme von 50.000 Euro für erlittenes Leid. Es gehe auch nicht an, dass nur vom Papier her beurteilt werde, was ein Betroffener als finanzielle Leistung erhalte.

Die Vorsitzende der Aufarbeitungskommission, Michaela Huber, kündigte an, dass die Empfehlungen der Gutachter in den kommenden Sitzungen erörtert werden. Man müsse sehen, was sich davon umsetzen lassen könne. Gemeinsam mit dem Betroffenenbeirat wird derzeit bereits ein neues niedrigschwelliges Angebot geplant. Im März sollen namentlich bekannte Betroffene zu einer Veranstaltung ins Münchner Künstlerhaus eingeladen werden, zu der weitere Betroffene – Anonymität wird zugesichert – dazu kommen können. Sie sollen so aus dem Dunkelfeld herausgeholt werden, von dem die Gutachter sagen, es sei in München sehr groß.

Von Barbara Just (KNA)