Standpunkt

Nur eine "Kultur des Hinsehens" kann Missbrauch verhindern

Aktualisiert am 01.02.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Eine "Kultur des Hinsehens" in Schule, Familie und Kirche kann Missbrauch verhindern, kommentiert Eckhard Nordhofen. Er hält nichts davon, sich von dieser Aufgabe selbst zu entlasten, indem man Sündenböcke sucht.

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"Insolvenzrhetorik": Wir gratulieren Annette Schavan zu diesem treffenden Begriff. Nicht nur auf Anne Will ("Ist diese Kirche noch zu retten?") und notorische Kirchengegner trifft er zu. Auch und gerade führende Kirchenmänner, unterstützt durch die Kohorte ihrer soziologischen und demographischen Berater, überbieten sich in finsteren Totsagungen und Prognosen. Das "Ende der Volkskirche" ist aus ihrer so tapfer-realistischen Sicht längst ein Faktum, bevor es überhaupt eingetreten ist. Insolvenzrhetorik redet einen Untergang herbei, den die Rhetoren eigentlich mit aller Kraft zu verhindern berufen wären.

Es sind oft dieselben, die mitten in der Missbrauchskatastrophe Sündenböcke suchen, um sich selbst zu entlasten. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Lars Castellucci, stellvertretender Vorsitzender des Innenausschusses, vermutet nach dem Münchener Gutachten in der Konzentration auf Benedikt XVI. einen psychologischen Mechanismus: "Eine Gesellschaft kann die Verantwortung für sexuelle Gewalt personalisieren und damit von sich selbst wegschieben. Das ist genau das, was nicht passieren darf." Er weitet den Blick und fordert eine "Kultur des Hinsehens" in Sport, Schule, Heimen, Familie und Kirche.

Recht hat er! Zwar ist die Fallhöhe der Kirche bei diesem Thema besonders hoch, aber auch hier ist nichts gewonnen, wenn man Sündenböcke an den Pranger stellt. Kommt es nicht endlich darauf an, die eigentlichen Ursachen zu identifizieren um sie dann entschlossen zu beseitigen? Wo liegt er denn, der systemisch-toxische blinde (Schand-)Fleck eines schrägen Klerikalismus? Liegt er nicht da, wo man in einem verbrecherischen Priester immer noch den Mitbruder mit dem "character indelebilis" der Priesterweihe sah, der in Zeiten dramatischen Priestermangels zudem noch ein "knappes Gut" und daher kostbar war? Wenn Priester Verbrechen begehen, sind sie Verbrecher. Die anderen Priester aber nicht, erst recht nicht die engagierte Gemeindereferentin und die ganze fiebernde Kirche.

Von Eckhard Nordhofen

Der Autor

Eckhard Nordhofen ist ein deutscher Theologe und Philosoph. Von 2001 bis 2010 war er Leiter des Dezernates Bildung und Kultur im Bistum Limburg. Bis 2014 lehrte er außerdem theologische Ästhetik und Bildtheorie an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.