Jörg Meyrer berichtet über Aufbau und Atmosphäre im Ahrtal

Pfarrer von Ahrweiler: "Die Flut hat Mauern in den Köpfen aufgelöst"

Aktualisiert am 12.02.2022  –  Lesedauer: 

Bad Neuenahr-Ahrweiler ‐ Die Flut im Ahrtal und anderen Gebieten Deutschlands ist mehr als ein halbes Jahr her. Pfarrer Jörg Meyrer berichtet im Interview, wie der Aufbau läuft und auf welche Weise er das Ahrtal bei der Wahl des Bundespräsidenten vertreten wird.

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Wasser, Schlamm und Trümmer haben im Juli eine Spur der Verwüstung im Ahrtal hinterlassen. Jörg Meyrer, Pfarrer von Bad Neuenahr-Ahrweiler, erlebte die Katastrophe vor Ort und gestaltet jetzt den Aufbau mit. Viele kennen ihn inzwischen, er gilt als Symbolfigur für das Ahrtal - und wurde bestimmt, Mitte Februar den Bundespräsidenten mit zu wählen. Im Interview berichtet Meyrer über den Aufbau und die Stimmung im Ahrtal.

Frage: Pfarrer Meyrer, auf Facebook schreiben Sie seit der Flut regelmäßig darüber, was Sie erleben, woran Sie knabbern, was Ihnen Mut macht. Warum?

Meyrer: In den Tagen nach der Flut haben die Posts das Tagebuchschreiben und auch das Beten ersetzt. Dafür war keine Zeit, wir waren von morgens bis abends unterwegs. Die Einträge wurden mein Abendritual, fast ein Gebet und halfen mir, den Tag abzuschließen. Daraus hat sich mehr entwickelt. Viele Menschen haben mir zurückgemeldet, dass sie abends darauf warten, meinen Beitrag lesen zu können und dass sie sich in den Worten, die meine ganz persönliche Reflexion sind, wiederfinden. Daraus entsteht jetzt sogar ein Buch, das der Bonifatius Verlag zum Jahrestag der Flut herausgibt.

Frage: Sie beschreiben die Lage aktuell als Mischung aus Mutlosigkeit und Durchhaltewillen. Wie stark sind die Menschen im Ahrtal noch aus der Bahn geworfen?

Meyrer: Spürbar ist eine große Müdigkeit. Es regnet, die Tage sind kurz, draußen ist es grau. Auf den Baustellen passiert momentan nicht viel. Und man kann auch nicht sechs Monate auf höchstem Niveau arbeiten. Das tun wir aber alle. Von außen ist auch die Erwartung spürbar, dass man mal genug hat vom Ahrtal. Hier wohnt aber noch niemand wieder in seiner zerstörten Wohnung. Selbst die nicht, die ganz schnell Handwerker und Gutachter hatten. Und zugleich haben die Menschen eine enorme Kraft und Hoffnung.

Frage: Wie sieht momentan Ihr Alltag aus?

Meyrer: Der besteht vor allem darin, zu organisieren. 22 unserer Kirchen und Gebäude wurden beschädigt oder zerstört. Wir organisieren einerseits das normale Leben, Gottesdienste, Kommunionen oder Trauergespräche, suchen Räume, in denen man sich treffen kann. Dazu müssen wir Flutschäden aufräumen, uns als Pfarrei und im Team neu aufstellen, die Zukunft planen. Da ergeht es uns als Gemeinde ähnlich wie den Privathaushalten.

Frage: Die Gemeinde wird sich von Gebäuden verabschieden müssen. Was macht das mit den Menschen?

Meyrer: Stellen Sie sich vor, sie verlieren wie in der Gemeinde Sankt Pius auf einen Schlag Pfarrheim, Pfarrhaus und Kindergarten und die Kirche ist auch in Frage gestellt. Welche Lähmung das für die Aktiven bedeutet, ist kaum zu ermessen. Dazu kommt noch die deutsche Kirchenmüdigkeit. Die Menschen fragen sich, warum haben wir uns angestrengt, wenn uns jetzt als Kirchengemeinde durch die Flut alles genommen wird. Wir haben bisher kaum Entscheidungen getroffen, welche Gebäuden wir aufgeben müssen und wollen jetzt gemeinsam mit den Menschen überlegen, wie es weitergeht und wie kirchliche Infrastruktur aussehen soll.

 Aufräumarbeiten nach Überschwemmungen
Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

Helfer räumen in einer mit Schlamm bedeckten Straße in Bad Neuenahr auf. Im Juli 2021 hatte ein Hochwasser diese und weitere Regionen in mehreren Teilen Deutschlands überschwemmt.

Frage: Das Wort "Wiederaufbau" benutzen Sie nicht. Warum nicht?

Meyrer: Wir müssen aufbauen, nicht einfach wiederaufbauen. Vieles war gut, aber nicht alles. Man kann es besser und schöner machen. Nehmen wir die kirchlichen Gebäude. Pfarrheime wurden zuletzt immer weniger genutzt. Die könnten wir zwar wieder herstellen, aber besser fände ich, ein Konzept für einen sozialen, gemeinschaftlichen Ort zu entwerfen. Zu fragen, wie sollen Kitas, Altenheime oder Spielplätze aussehen. Der erste Impuls ist oft, es so zu machen, wie es war, weil es dafür Pläne gibt, für das Neue nicht. Aber ich würde lieber in die Zukunft gerichtet, ökologisch und nachhaltig bauen. Dazu haben wir jetzt die Möglichkeit und Mittel durch den Aufbaufonds. Wenn wir das nicht nutzen und das Ahrtal zu einer Modellregion machen, wird man später fragen, warum wir diese Chance nicht genutzt haben.

Frage: Sozialverbände kritisieren, dass die Hilfen zu langsam kommen. Die Politik hingegen betont oft, dass der Wiederaufbau gut laufe. Was ist Ihre Wahrnehmung?

Meyrer: Es ist deutlich komplizierter, als es versprochen war und als wir das anfangs erwartet haben. Die Zuschussanträge waren als unbürokratische Hilfen angesagt, sind aber kompliziert. Kürzlich hieß es, dass 23 Anträge aus dem Wiederaufbau-Fonds bewilligt wurden. Wir haben aber 40.000 betroffene Haushalte im Ahrtal, die zwar nicht alle einen Antrag stellen werden, trotzdem zeigt die Zahl, wie schwierig und bürokratisch das Verfahren ist.

Das Thema Nachhaltigkeit beschäftigt mich sehr. Denn in der Realität wird es sofort kompliziert, wenn man nachhaltiger bauen möchte. Das muss man sich zeitlich und finanziell leisten können. Wenn Sie ein Haus nur wiederaufbauen wollen, brauchen sie keine extra Genehmigung. Die brauchen sie aber, wenn Sie etwas ändern wollen, nachhaltiger oder das Erdgeschoss flutsicher bauen. Für unsere kirchlichen Gebäude beispielsweise wissen wir, dass wir eine alte Heizung im Keller ersetzt bekämen, aber nicht, ob eine neue, ökologischere Heizanlage bezuschusst wird. Oft ist auch nicht ausschlaggebend, was ökologisch wäre, sondern was es auf dem Markt gibt.

Frage: Was ändert sich für Sie als Pfarrer im Ahrtal?

Meyrer: Nach der Flut haben wir mit dem Team viel Seelsorge auf der Straße und bei den Menschen gemacht. Das würde ich gerne beibehalten. Nachhaltig beeindruckt und verändert hat mich, dass es durch die Flut keine Blasen, keine Mauern mehr gibt. Die realen Mauern hat die Flut weggespült. Aber auch die Mauern in den Köpfen und die Blasen, in denen wir uns bewegt haben, wurden aufgelöst, auch die kirchliche Blase. Wir standen alle auf der Straße und haben Schlamm geschippt. Ich habe inzwischen Kontakt zu vielen Menschen, die sich für andere engagieren. Denen bin ich vorher vielleicht mal begegnet, aber jeder hat sein Ding gemacht. Diese Abgrenzung ist weg und ich wünsche mir sehr, dass das bleibt und auch die Pfarrgebäude allen offen stehen.

Frage: Sie wählen im Februar den Bundespräsidenten mit. Mit welchem Gefühl reisen Sie nach Berlin?

Meyrer: Für mich ist das eine große Ehre. Und ich freue mich auch darauf, für mein Leben ist das ja eine historische Stunde. Ich möchte das Ahrtal gerne mitnehmen in die Bundesversammlung und werde ein Jackett tragen, das am Rücken mit dem Schriftzug "SolidAHRität" bestickt ist.

Von Anna Fries (KNA)