Henrike Bittermann fordert klare Sanktionen gegen Russland

Ukraine-Helferin: Die Panik steigt

Aktualisiert am 25.02.2022  –  Lesedauer: 

Lwiw/Freiburg ‐ Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine hat sich das Leben der Menschen dort einschneidend verändert. Caritas-Helferin Henrike Bittermann sagt im katholisch.de-Interview, dass Menschen in Bunkern schlafen – und humanitäre wie politische Hilfe brauchen.

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In der Ukraine herrscht Krieg, seit Russland dort am Donnerstag mit Angriffen begonnen hat. Bis vergangene Woche war Henrike Bittermann für Caritas international im Land, dann hat sie auf Anraten der Bundesregierung die Ukraine verlassen. Im Interview schildert sie die Lage der Menschen und Perspektiven zur Eindämmung des Krieges.

Frage: Frau Bittermann, viele Beobachter in den westlichen Ländern haben sich vom Angriff Russlands auf die Ukraine überrascht gezeigt. Waren sie das auch?

Bittermann: In diesem Ausmaß schon. Durch den Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze in der letzten Zeit war allen bewusst, dass eine Bedrohung besteht. Aber dass in dieser Art und Weise in die Ukraine einmarschiert wird, war so nicht absehbar.

Frage: Sind die Menschen vor Ort darauf vorbereitet?

Bittermann: Einige haben sich in den letzten Wochen vorbereitet und Wasser-, Nahrungs- oder Bargeldvorräte angelegt. Wer das nicht getan hat, hat nach den ersten Angriffen sein Glück versucht. Vor manchen Supermärkten und Banken haben sich lange Schlangen gebildet.

Frage: Inwiefern ist da die Caritas aktiv?

Bittermann: Die Caritas arbeitet schon seit vielen Jahren in der Ukraine. Von Caritas international werden zwei große Projekte auch im Osten des Landes unterstützt. Da geht es einerseits darum, Hilfspakete entlang der Kontaktlinie zu verteilen. Andererseits werden Sozialzentren betrieben, in denen sich die Menschen vor Ort melden können und Unterstützung erhalten. In der aktuellen Lage muss zunächst einmal geschaut werden, wie diese Projekte weitergeführt werden können. Das Wichtigste war erstmal, unsere Mitarbeitenden in Sicherheit zu bringen und die Evakuierungspläne umzusetzen. Nun wird überlegt, wo wir sichere Stationen aufbauen können, um die Menschen weiterhin zu unterstützen. Von unseren fünf Stationen in Kyjiw, Dnipro, Saporischschja, Mariupol und Kramatorsk sind die beiden letztgenannten nicht arbeitsfähig, weil die Mitarbeitenden aus Kramatorsk flüchten mussten und Mariupol von Soldaten eingekesselt ist – dort versuchen die Mitarbeitenden noch, den Ort zu verlassen und in sichere Gebiete zu gehen.

Bild: ©Privat

"Wann ist denn der Ernstfall, wenn nicht jetzt?", fragt Henrike Bittermann.

Frage: In der Ukraine gibt es europanahe und russlandnahe Menschen, die sich zum Teil feindlich gegenüberstehen. Beeinflusst das auch die Hilfsarbeit?

Bittermann: Das konnte ich nicht beobachten: Insbesondere die pro-russisch eingestellten Ukrainerinnen und Ukrainer leben zum Großteil in den von Separatisten besetzten Gebieten. Der Großteil der Bevölkerung steht zu ihrem Land. Man kann auch pro-russisch eingestellt sein und trotzdem ein eigenständiger ukrainischer Staat bleiben wollen. Eigentlich wünschen sich viele Menschen einfach ein bruderschaftliches Verhältnis mit Russland – was durch den Aggressor Wladimir Putin momentan sehr schwer gemacht wird. Wir haben bis vor Kurzem auch teilweise in der Pufferzone der Separatistengebiete gearbeitet – da wurden dann auch niemandem Hilfsgüter verwehrt.

Frage: Sie waren bis vergangene Woche selbst im Land. Wie haben Sie die Menschen angesichts der gestiegenen Gefahr erlebt?

Bittermann: Eigentlich lebe ich in Lwiw im Westen der Ukraine. Gerade dort sind die Menschen sehr pro-ukrainisch und pro-europäisch eingestellt, sie sind sehr stolz auf ihr Land, ihre Kultur und ihre Sprache. Ich kann aber nicht sagen, wie das mit Blick auf das gesamte Land aussieht. Allerdings muss man immer bedenken: Die Ukrainerinnen und Ukrainer erleben diesen Krieg seit 2014 und haben eine große Resilienz entwickelt. Auch in den Wochen, wo aus dem Ausland schon gewarnt wurde, sind sie nicht in Panik verfallen, sondern haben versucht, ihr Leben weiter zu leben. Auch jetzt sind viele meiner Freunde, Bekannten und Kolleginnen und Kollegen noch im Land und versuchen, mit der Situation umzugehen. Doch es wird von Stunde zu Stunde brenzliger und die Panik steigt inzwischen. Sie müssen zu ihrer Sicherheit in Bunkern übernachten – so langsam werden die Hilferufe lauter.

Frage: Was brauchen die Leute dort am dringendsten?

Bittermann: Unterstützung aus dem Ausland im Rahmen von Sanktionen gegen Russland. Und klare Statements und Handlungen gegen Russland, um diesen Krieg eventuell noch eindämmen zu können. Es wird wieder große Fluchtbewegungen geben, deshalb brauchen die Menschen natürlich auch Unterstützung in Form von Essen, Schlafsäcken, Decken und Feldbetten. Aber um die Situation der Menschen generell zu unterstützen, braucht es klare Ansagen aus dem Ausland.

Frage: Es gibt ja schon Sanktionen des Westens, aber beispielsweise das russische Gas fließt weiterhin nach Europa. Sind die bisherigen Maßnahmen zu lasch?

Bittermann: Ich beobachte weiterhin eine Zurückhaltung aus dem Ausland. Es wird klar gemacht, dass die NATO-Mitglieder beschützt werden, dass sich der Krieg nicht über die Ukraine hinaus ausbreiten wird. Ich sehe aber auch, dass die Sanktionen zwar ein erster Schritt sind, man sich weitergehende Maßnahmen jedoch für den Ernstfall vorbehält. Da frage ich mich: Wann ist denn der Ernstfall, wenn nicht jetzt?

Frage: Was sind die nächsten Schritte der Caritas in Deutschland zur Unterstützung der Ukraine?

Bittermann: Wir stimmen uns da ganz eng mit der Caritas in der Ukraine ab und informieren uns über die Lage bei unseren Projekten. Dabei wurde schnell klar, dass die Situation im Moment so unübersichtlich ist, dass auch unsere Kontakte vor Ort sich erst einmal ein Bild der Lage machen müssen. In der Zwischenzeit versuchen wir, Hilfsgelder zu akquirieren, von Spendern und von staatlicher Seite. Sobald wir dann genaue Informationen haben, unterstützen wir unsere Partner vor Ort. Der Fokus wird auf humanitärer Arbeit liegen, also Nahrung, Kleidung, Decken, Unterkünfte und Medikamente – unter anderem für die Binnengeflüchteten.

Von Christoph Paul Hartmann