Dogmatiker Tück im Gastbeitrag über die Fastenzeit, Umkehr und Aussöhnung

Kardinal Woelki kehrt zurück: Zeit für einen Neuanfang

Aktualisiert am 02.03.2022  –  Lesedauer: 
Debatte

Wien ‐ Nach einer fünfmonatigen Auszeit kehrt Kardinal Rainer Maria Woelki ins Erzbistum Köln zurück – am Aschermittwoch. Im Gastbeitrag erklärt Jan-Heiner Tück mögliche Motive für das gewählte Datum. Der Theologe plädiert für eine Chance für einen Neuanfang des Erzbischofs – auch mit Hilfe der Gläubigen.

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Aschermittwoch ist für Katholiken eine Zäsur. Das sinnenfrohe Treiben von Masken und Kostümen ist zu Ende, die Zeit der ehrlichen Umkehr und Selbstbesinnung beginnt. Für die Erzdiözese Köln ist das Datum in diesem Jahr von besonderer Bedeutung. Kardinal Rainer Maria Woelki kommt nach einer fünfmonatigen Auszeit nach Köln zurück. Diese Auszeit hatte er mit Papst Franziskus vereinbart. Im Bericht der beiden bischöflichen Visitatoren, die der Papst nach Köln geschickt hatte, um die kritische Lage der Erzdiözese zu prüfen, waren Kardinal Woelki schwerwiegende Kommunikationsfehler vorgehalten worden. Zugleich wurde ihm attestiert, sexuellen Missbrauch aber nicht willentlich oder aktiv vertuscht zu haben, daher solle er im Amt bleiben.

Aus der geistlichen Auszeit kommt Kardinal Woelki nun zurück in die österliche Bußzeit. Drei Motive könnten für die Wahl dieses symbolträchtigen Datums ausschlaggebend gewesen sein. Erstens: "Gedenke, dass du Staub bist und wieder zum Staub zurückkehren wirst", heißt es bei der Austeilung des Aschenkreuzes. Mit der Erinnerung an die Sterblichkeit ist eine Lektion der Demut verbunden, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Zweitens markiert Aschermittwoch den Beginn der österlichen Bußzeit. Es kann nicht so weitergehen wie bisher, es muss sich etwas ändern. Als Leiter einer großen Diözese, die in einer veritablen Krise steckt, sind hier klare Zeichen von Kardinal Woelki wünschenswert. Allerdings beginnt die Bußzeit nicht nur für ihn, sondern für die ganze Gemeinschaft der Kirche. Alle sind eingeladen, einen Prozess der kritischen Selbstrevision zu durchlaufen. Damit ist drittens verbunden, das "Reizklima des Rechthabenmüssens" (Martin Walser) auszusetzen. Wir alle machen Fehler und sind vergebungsbedürftig. Nur das ehrliche und schonungslose Bekenntnis zur Schuld hilft weiter, es darf auf Vergebung hoffen. Strategien der Selbstrechtfertigung, die neue Kläger auf den Plan rufen, können am Ende nur scheitern. Mag sein, dass Papst Franziskus mit dem Datum die Hoffnung verknüpft hat, dass sich die Wogen in Köln glätten lassen, wenn alle den Anstoß zum Umdenken annehmen und einen gemeinsamen Weg der Umkehr beschreiten.

Bild: ©KNA/Harald Oppitz (Symbolbild)

Mit dem Aschermittwoch beginnt die österliche Bußzeit.

Die österliche Bußzeit hieß früher "Quadragesima", das Fest der vierzig Tage. Die Zahl 40 ist in der Bibel symbolisch aufgeladen und verweist auf mehrere Ereignisse, in denen es um rettende Wendepunkte geht. Die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten ist der wichtigste. Nach der Flucht vor den Streitwagen Pharaos und der Durchquerung des Roten Meeres wanderte das Volk Israel 40 Jahre durch die Wüste. Das jüdische Pascha-Fest, das den Exodus aus Ägypten feierlich begeht, bildet die Folie für das christliche Osterfest. Beiden Festen ist ein Fluchtpunkt der Hoffnung mitgegeben: Wie Israel nach der 40-jährigen Wanderung das gelobte Land erreicht, so folgt auf die 40-tägige Fastenzeit das Fest der Auferstehung Jesu von den Toten.

Kirche als Solidargemeinschaft

In der frühen Kirche ist die österliche Bußzeit von der Taufvorbereitung der Katechumenen und der Vorbereitung der Büßer auf die Rekonziliation bestimmt. Schwere Sünder waren als ein eigener Stand öffentlich kenntlich. Damit war keine Stigmatisierung verbunden. Mit beiden Gruppen, den Taufbewerbern und öffentlichen Sündern, zeigten sich die Gläubigen solidarisch durch besondere Praktiken wie Fasten, vermehrtes Gebet und Almosen. Am Ende erfolgte die Wiedereingliederung der Büßer in die Gemeinde. Die Buße hatte einen therapeutischen Sinn – und das fürbittende Gebet der Gläubigen stellte den Sünder nicht bloß, sondern war an seiner Besserung und Wiedereingliederung interessiert. Kirche als Solidargemeinschaft – das könnte auch heute ein Antidot gegen Polarisierungen in der Kirche sein.

Bild: ©picture alliance/Associated Press/Ina Fassbender (Archivbild)

Kardinal Rainer Maria Woelki nach der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Köln im März 2021.

Statt also am Tag seiner Rückkehr nach Köln den Zeigefinger erneut auf Kardinal Woelki zu lenken und ihn auf seine Fehler zu fixieren, ist mit dem Datum die Einladung verbunden, innezuhalten und sich den Spiegel des Evangeliums vor Augen zu halten. Würden alle dieser Einladung nachkommen, wäre das Unmögliche möglich. Die Bezichtigungsvirtuosen in und außerhalb der Kirche würden ebenso verstummen wie die verblüffungsresistenten Apologeten des Kardinals, die jede Kritik mit einem Pawlowschen Reflex zurückweisen. Alle würden in der gemeinsamen Orientierung auf eine ex-zentrische Mitte – das Evangelium – über sich hinauswachsen und einen Exodus aus der Krise finden. Eine fromme Illusion?

Gutachten "wegen massiver methodischer Mängel" nicht veröffentlicht

Kardinal Woelki, der 2015 noch der Lieblingsbischof der deutschen Medien war, weil er den Migrationskurs von Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Willkommenskultur rückhaltlos gestützt hat, ist in den vergangenen Jahren zur persona non grata Nr. 1 des deutschen Katholizismus geworden. Wie konnte es dazu kommen? Nach Veröffentlichung der MHG-Studie 2018 über sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Kleriker und systemisches Versagen der Kirchenleitung hat Kardinal Woelki rückhaltlose Aufklärung angekündigt. Er hat einen Betroffenenbeirat eingesetzt und die Münchner Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl mit einem unabhängigen Missbrauchsgutachten beauftragt. Auf Rat renommierter Juristen hat er die Veröffentlichung des Gutachtens dann doch "wegen massiver methodischer Mängel" unterlassen und eine andere Kanzlei beauftragt. Dieses Vorgehen hat scharfe Proteste provoziert und ihm den Vorwurf eingetragen, doch vertuschen zu wollen. Einige Mitglieder des Betroffenenbeirats traten zurück und wehrten sich dagegen, in die Krisenbewältigungsstrategie des Kardinals eingespannt zu werden. Andere hingegen hielten ihm die Stange.

Die Kritik wurde lauter und richtete sich immer mehr gegen die Person von Kardinal Woelki, der den Reformanliegen des Synodalen Weges bekanntlich reserviert gegenübersteht. Klar ist, dass Woelki massive Kommunikationsfehler begangen hat und es ihm nicht geglückt ist, seine Empathie mit den Opfern so zum Ausdruck zu bringen, dass die Kritik verstummt wäre. Aber er selbst ist durch beide Gutachten juristisch entlastet worden. Damit steht er besser da als seine Amtsvorgänger und auch als manch anderer Bischof und Kardinal in Deutschland, die viel weniger im Fokus der Kritik stehen. Für seine Fehler hat sich Woelki wiederholt in der ersten Person Singular entschuldigt – aber diese Entschuldigungen wurden von vielen nicht angenommen oder als episkopale Abwiegelungstaktik abgetan.

Zur Personalisierung von Problemen

Die Kritik mancher Lokalmedien nahm unverhältnismäßige Züge an und trug dazu bei, Sozialdynamiken freizusetzen, die René Girard als "mimetischen Furor" beschrieben hätte. Nach und nach wenden sich alle gegen einen und sichern sich in der anschwellenden Empörung wechselseitig zu, auf der Seite der Guten zu stehen.

Mit dem Hinweis auf die Unverhältnismäßigkeit mancher Reaktionen möchte ich keiner Täter-Opfer-Umkehr das Wort reden. Der Skandal des sexuellen Missbrauchs durch Kleriker schreit zum Himmel und die systemische Vertuschung durch die Bistumsleitungen ist nicht zu verharmlosen! Die Verantwortung für ein Problem zu personalisieren, heißt allerdings auch, es von sich selbst wegzuschieben. Kirche und Gesellschaft aber brauchen eine Kultur des Hinsehens, um dem Skandal des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger gegenzusteuern, wie der SPD-Politiker Lars Castellucci in einem FAZ-Interview zurecht gefordert hat.

Themenseite: Das Erzbistum Köln in der Vertrauenskrise

Ein erstes Gutachten wird wegen "methodischer Mängel" nicht veröffentlicht. Ein zweites lastet zahlreichen Verantwortungsträgern im Erzbistum Köln Fehlverhalten im Umgang mit sexuellem Missbrauch an – nicht aber dem amtierenden Erzbischof Rainer Maria Woelki. Dennoch kommt die Erzdiözese nicht zur Ruhe.

Die Kirchenaustritte in der Erzdiözese Köln sind inzwischen dramatisch gestiegen, kirchliche Gremien wie der Diözesanrat, die Kreis- und Stadtdechanten und andere sind auf Distanz gegangen, die Stimmung ist angespannt. Der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich hat seinem Kölner Kollegen ganz unverblümt den Rücktritt nahegelegt. Auch viele andere würden schon aus pastoralen Gründen eine Demission begrüßen. Dennoch kommt Kardinal Woelki am Aschermittwoch zurück. Zwar hat er seine Teilnahme an zwei Messen und den Aschermittwochsempfang der Künstler abgesagt, dafür soll ein Fastenhirtenbrief veröffentlicht werden. Die dialektische Pointe ist: Als Abwesender wird er durch sein Wort umso anwesender sein.

Wollte man aus der Bußpraxis der frühen Kirche analog eine Lektion mitnehmen, dann wäre es in der verfahrenen Lage in Köln erstens hilfreich, die Stigmatisierung Woelkis auszusetzen. Zu einer Kultur der Umkehr gehört es, den anderen nicht gnadenlos auf seine Fehler zu fixieren, sondern ihm die Chance des Neuanfangs zu geben. Zweitens wäre der Gedanke der Kirche als Solidargemeinschaft aufzunehmen. Kein Bischof kann isoliert die Kirche leiten, er ist auf andere angewiesen und muss bereit sein, sich beraten zu lassen. Beratungsresistenz würde die Krise nur verschärfen. Umgekehrt braucht ein Oberhirte, selbst dann, wenn er von vielen nicht als Sympathieträger und geschickter Kommunikator wahrgenommen wird, die Unterstützung seiner Gläubigen. Die Bereitschaft, das berechtigte Anliegen in der Stimme des anderen aufzunehmen, sowie die Praxis des Füreinandereintretens könnte hier ein therapeutischer Anstoß sein, die Risse und Wunden zu heilen. Drittens läuft die Krisenzeit der Buße, wenn sie sich dem einholenden Schmerz der Wahrheit stellt, auf eine Aussöhnung zu, die die Erfahrung der Communio stärkt. Ob diese Lektion in Köln angenommen wird, ist kaum wahrscheinlich. Aber manchmal wird sogar das Unwahrscheinliche Wirklichkeit.

Von Jan-Heiner Tück

Der Autor

Jan-Heiner Tück ist Professor für Dogmatik an der Universität Wien.