Gilles: "Die katholische Kirche kann nur in und mit der Welt leben"

DBK-Generalsekretärin: Weg zu Reformen und Erneuerung unumkehrbar

Aktualisiert am 05.03.2022  –  Lesedauer: 

Hannover ‐ Es wird viel darum gerungen, wie die Zukunft der Kirche aussehen soll. Die Generalsekretärin der deutschen Bischöfe, Beate Gilles, stellt klar: "Die katholische Kirche kann nur in und mit der Welt leben" – und spielt auch auf die Ehelehre an.

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Die Generalsekretärin der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Beate Gilles, setzt auf Veränderungen in der Kirche. "Die von den Bischöfen in Auftrag gegebene MHG-Studie über die möglichen systemischen Faktoren der Missbrauchstaten hat dazu geführt, dass der Weg zu Reformen und Erneuerungen unumkehrbar ist", sagte Gilles dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (Samstag) vor der Montag beginnenden Frühjahrsvollversammlung der deutschen Bischöfe.

"Die katholische Kirche kann nur in und mit der Welt leben", betonte Gilles. Mit Blick auf das katholische Eheverständnis sagte sie: "Es ist nicht falsch, ein Ideal zu formulieren. Aber die große Kunst ist es, das Ideal mit dem ganzen Leben in Einklang zu bringen und das Leben auch in seinen Brüchen wahrzunehmen. Christus hat seine wichtigste Stunde am Kreuz und nicht in seinen wunderbaren Predigten."

Konkret sprach sich die Generalsekretärin für eine stärkere Rolle von Frauen in der katholischen Kirche aus. "Ich fand es immer traurig, wenn Frauen in die evangelische Kirche konvertierten, um ihrer Berufung folgen zu können und Pfarrerin geworden sind", sagte sie und fügte hinzu: "Ich kenne auch viele Ordensschwestern, die die Berufung zur Priesterin spüren. Es sind Berufungen Gottes – und es gilt, sie ernst zu nehmen und ihnen Entfaltungsraum zu geben." Das sei für Frauen als Pastoralreferentinnen oder Gemeindereferentinnen möglich.

Zeichen, dass Diskussion nicht versiegte

Papst Johannes Paul II. habe in den 1990er-Jahren gesagt, er sei nicht ermächtigt, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, so Gilles weiter. "Es ist ein Zeichen, dass diese Diskussion nicht versiegte. Die Möglichkeit von Frauen zu predigen bereichert die Kirche. Gegenwärtig sind sie bei der Eucharistiefeier am Sonntag von diesem Dienst ausgeschlossen. Das ist ein Verlust."

Ein Priester legt seine Stola um die Hände eines Paares
Bild: ©KNA

"Es ist nicht falsch, ein Ideal zu formulieren. Aber die große Kunst ist es, das Ideal mit dem ganzen Leben in Einklang zu bringen und das Leben auch in seinen Brüchen wahrzunehmen", sagt Gilles mit Blick auf das Eheverständnis der Kirche.

Die Generalsekretärin, die im vergangenen Jahr als erste Frau in dieses Amt gewählt worden war, forderte, den Anteil von Frauen in Führungspositionen zu erhöhen. "Ich selbst bin im Laufe meines Lebens zur Verfechterin einer Quote geworden. Es braucht Standards, es braucht den aktiven Willen zu sagen, was man möchte", so Gilles. Von ihrer Rolle als "Symbol" in diesem Zusammenhang, wolle sie sich nicht erdrücken lassen. "Niemals würde eine Frau einen Posten erhalten, ohne dafür qualifiziert zu sein. Ich finde es gut, wenn Institutionen entsprechende Signale setzen."

Weiterhin sagte Gilles, es gebe zu einer transparenten und konsequenten Aufarbeitung von sexuellem Missbrauch keine Alternativen. Jedes dieser Vergehen sei ein Verbrechen. "Für mich war der Gedanke, dass ein Priester Kinder missbraucht, einfach unvorstellbar", so Gilles. "Diese Taten sind entsetzlich. Mir war sexualisierte Gewalt in der Kirche zuvor - insbesondere die systemischen Zusammenhänge – in dieser Weise nicht begegnet."

Die Generalsekretärin der Bischofskonferenz weiter: "Mit Blick auf die Kirche bewegt mich, dass Kinder noch dafür Gewalt erfuhren, dass sie über ihr Martyrium sprachen – denn über einen Priester sage man so etwas doch nicht. Meine Urgroßmutter soll immer mal gesagt haben: 'Die Tür zur Sakristei lass lieber zu, guck da nicht rein.' Ich kann sie nicht mehr fragen, was sie damit meinte. Mir ist jedoch klar, dass wir die Türen aufmachen müssen, damit es alle sehen und niemand verschämt wegschaut." (cph/KNA)