Kirche bittet um Vergebung – Opferverbände kritisieren Strafmaß

Unterschiedliche Reaktionen auf Urteil gegen Bischof Zanchetta

Aktualisiert am 07.03.2022  –  Lesedauer: 

Buenos Aires ‐ In Argentinien ist mit Gustavo Zanchetta erstmals ein Bischof wegen sexueller Übergriffe verurteilt worden. Die Reaktionen fallen gemischt aus. Ein Opfernetzwerk sieht Papst Franziskus in der Mitverantwortung.

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Als der Urteilsspruch schwarz auf weiß vorlag, reagierte auch die Bischofskonferenz in Argentinien, dem Heimatland von Papst Franziskus: "Wir bitten um Vergebung im Namen der gesamten Kirche", hieß es in einer am Wochenende verbreiteten Erklärung. Die schmerzhaften Ereignisse seien ein weiterer Anstoß für die Kirche, diese Art von missbräuchlichem Verhalten auszumerzen und weiter hart für die Umsetzung der vom Vatikan geforderten Schutzmaßnahmen zu arbeiten.

Zuvor war der frühere Bischof von Oran, Gustavo Zanchetta, wegen mehrfacher sexueller Übergriffe durch ein Gericht im nordargentinischen Salta zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Er wurde sofort ins Gefängnis gebracht; seine Daten sollen in eine Gendatenbank für Straftäter eingetragen werden. Der Geistliche selbst hatte im Prozess von einer Rachekampagne gesprochen und seine Unschuld beteuert.

Sofortige Entlassung aus Klerikerstand gefordert

Derweil berichtet das Portal "Pagina 12", dass Mitglieder der Kirche im Bistum Oran eine sofortige Entlassung Zanchettas aus dem Klerikerstand forderten. Dies wäre eine der härtesten kirchenrechtlichen Strafen. Opferverbände kritisierten das weltliche Urteil gegen den Bischof als unzureichend. Das "Netzwerk für Überlebende sexuellen Missbrauchs in der Kirche" sowie ein laizistisches Institut in Salta forderten härtere Sanktionen.

Mit dem von der Staatsanwaltschaft beantragten Strafmaß sei eine gerichtlich-kirchliche Absprache offenkundig geworden, zitiert das Portal "La Voz" Vertreter des Netzwerks. Papst Franziskus warfen sie vor, indirekt Einfluss auf das Urteil genommen zu haben. Dieser sei "der größte Vertuscher".

Papst Franziskus und Bischof Gustavo Zanchetta geben sich die Hand.
Bild: ©Vatican Media/Romano Siciliani/KNA (Archivbild)

Papst Franziskus und Bischof Gustavo Oscar Zanchetta 2018 im Vatikan.

Zanchetta selbst verzichtete auf die Möglichkeit "des letzten Wortes" vor Gericht – und damit auch auf die Gelegenheit, sich bei den Opfern zu entschuldigen. Bei der Verhandlung war zuvor sein Fehlverhalten ausführlich erörtert worden. Er verlangte offenbar von jungen Seminaristen "Massagen"; auf seinem Mobiltelefon wurde belastendes pornografisches Material gefunden.

Über die Verurteilung berichteten am Wochenende fast alle argentinischen Medien; Zeitungen in ganz Lateinamerika griffen das Thema auf. Die einflussreiche argentinische Zeitung "Clarin" schrieb: "Ein dem Papst nahestehender Bischof zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt."

Personalie sorgte von Anfang an für Unruhe

Zanchettas Berufung zum Bischof war während der ersten Auslandsreise von Franziskus zum Weltjugendtag in Rio de Janeiro 2013 mitgeteilt worden. Die Personalie sorgte von Anfang an für Unruhe. Eine Online-Petition ehemaliger Mitarbeiter aus Quilmes forderte den Papst auf, die Personalie zu überdenken. Sie warfen Zanchetta schlechte Amtsführung vor. Er soll zudem versucht haben, Zeugen gegen ihn einzuschüchtern. Aus dem Vatikan hieß es, der Papst habe von den Anschuldigungen nichts gewusst.

Nach seinem Rücktritt als Bischof von Oran 2017 – offiziell aus gesundheitlichen Gründen – wurde Zanchetta als Berater bei der vatikanischen Vermögensverwaltung APSA nach Rom berufen. Nach einer vorübergehenden Suspendierung 2019 kehrte er 2020 auf diesen Posten zurück. Inzwischen hat er die Stelle wieder geräumt. Eine offizielle Mitteilung dazu gab es nicht.

Von Tobias Käufer (KNA)