Standpunkt

Krisen kann man durch einen "Austritt" nur schwer entgehen

Aktualisiert am 22.03.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Sollte man angesichts der Missbrauchsfälle aus der Kirche austreten? Volker Resing spricht sich dagegen aus. Die Missbrauchskrise habe bisweilen völlig schiefe Bilder produziert von dem, was Kirche sei und darstelle.

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Wer wegen der Missbrauchskrise aus der katholischen Kirche austritt, der hört auch auf Fußball zu spielen oder zu schauen, wenn er von Korruption bei der FIFA hört. Lässt sich das so sagen? Natürlich sind individuelle Entscheidungen zu respektieren, natürlich gibt es Leid- und Schuldgeschichten, die eine Abkehr von der Gemeinschaft der Gläubigen begründen. Und vor allem: Fußball ist nicht Glauben.

Und dennoch erscheint in der öffentlichen Debatte der Kirchenaustritt inzwischen oft zu sehr als eine fast notwendige Konsequenz, als irgendwie gute Tat, geradezu als Befreiungsakt. Wenn die Kirche nur eine "Täterorganisation" ist, dann ist es nur recht und billig, wenn ich meine Finanzierung einstelle und mich abwende. Aber sie ist eben mehr!

Die Missbrauchskrise hat bisweilen völlige schiefe Bilder produziert, von dem was Kirche ist, was Kirche darstellt, was als Kirche wahrgenommen wird. Natürlich ist Kirche auch eine Institution und nicht nur die "Gemeinschaft der Gläubigen", die als Idealbild unangreifbarer wäre. Auch die Institution selbst aber kann eben fürchterlich, abgründig und abstoßend sein, wie immer auch himmlisch, herrlich, heilbringend – und das auch immer schon. Das ist nichts Neues.

Wer aber "austritt", der will diesen suchenden, scheiternden manchmal triumphierenden Weg so nicht weiter mitgehen. Keineswegs ist er "verloren", das betonen inzwischen auch viele Bischöfe. Wer verloren ist oder nicht, weiß eben doch allein nur der Herr. Das gilt natürlich ganz besonders auch für Bischöfe und alle anderen Menschenkinder. Doch harmlos ist eben der Austritt auch nicht, er macht einen Unterschied, diese Feststellung muss gewiss doch auch den "Ausgetretenen" wichtig sein.

Wer wegen der Missbrauchskrise aus der Kirche austritt, der verbannt auch Tschaikowski und Tschechow und Schostakowitsch vom Konzertprogramm oder sortiert Dostojewski und Tschechow aus der Leseliste aus – angesichts des hässlichen Angriffskriegs auf die Ukraine. Das Gegenteil wäre richtig. Vergleiche haben die unangenehme Eigenschaft, dass sie eigentlich immer hinken. Insofern verbieten sie sich letztlich auch immer. Und doch: Krisen und Kriege lehren eben, dass man ihnen durch "Austritt" nur schwer entgehen kann. Man muss sich ihnen stellen. Immer. Überall.

Von Volker Resing

Der Autor

Volker Resing leitet das Ressort "Berliner Republik" beim Magazin "Cicero".

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.