Standpunkt

Ein Papstbesuch in der Ukraine wäre zu riskant

Aktualisiert am 04.04.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Franziskus schließt eine Reise in die ukrainische Hauptstadt Kiew nicht mehr aus. Aber so ein Aufenthalt brächte mehrere Nachteile mit sich, kommentiert Christof Haverkamp. Die diplomatischen Friedensbemühungen wären gefährdet.

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Wie Papst Franziskus zu Putins Angriffskrieg auf die Ukraine steht, hat er wieder und wieder unmissverständlich klar gemacht, zuletzt in Malta. Wenn er von brutalen Straßenkämpfen und atomaren Bedrohungen spricht, muss niemand rätseln, was er meint.

Aber es hat Gründe, warum Franziskus den Namen Wladimir Putin verschweigt. Der Pontifex – das Wort bedeutet Brückenbauer –, möchte sich den Weg der Vermittlung nicht verbauen, etwa im Gespräch mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill. Wer dem Papst zu große Zurückhaltung vorwirft, verkennt die Prinzipien der vatikanischen Diplomatie.

Würde ein Besuch von Franziskus in Kiew helfen? Es lohnt sich, darüber nachzudenken, aber es gilt abzuwägen. Weltweit ausgestrahlte Fernsehbilder von Franziskus in der Hauptstadt der Ukraine hätten enorme Symbolkraft. Das Kirchenoberhaupt könnte zumindest für begrenzte Zeit als menschliches Schutzschild gegen das Vordringen der russischen Armee wirken.

Aber wie nachhaltig wäre das? Und brächte der Papst damit nicht allein sich in Lebensgefahr, sondern auch Begleiter und Ukrainer? Risikolos wäre die Aktion jedenfalls nicht, und ob der Besuch Wladimir Putin beeindrucken würde, ist ebenso fraglich. Und mögliche Friedensversuche im Hintergrund wären damit wohl beendet.

Was der Papst leisten kann, ist Diplomatie. Es war ungewöhnlich genug, dass Franziskus am 25. Februar den russischen Botschafter am Heiligen Stuhl aufgesucht hat. Üblich und protokollgemäß sind umgekehrte Besuche bei einem Staatsoberhaupt.

Selbstverständlich führt der Vatikan keine Kriege mit Raketen und Panzern. Schon Josef Stalin hat spöttisch gefragt: "Wie viele Divisionen hat der Papst?" Damit wollte der Diktator deutlich machen, dass er den Vatikan als außenpolitisch bedeutungslos ansah.

Das stimmte so nicht, wie man am prägenden Anteil Johannes Pauls II. am Zusammenbruch der Sowjetunion sieht. Doch oft genug scheiterten päpstliche Friedensmissionen, wie Benedikt XV. im Ersten Weltkrieg erfahren musste. Doch das sollte Franziskus nicht davon abhalten, dem Frieden weiter mit allen Mitteln nachzujagen.

Von Christof Haverkamp

Der Autor

Christof Haverkamp ist Pressesprecher und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der katholischen Kirche in Bremen und Senderbeauftragter der katholischen Kirche bei Radio Bremen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.