Standpunkt

Menschenzugewandte Seelsorge zur Priorität machen

Aktualisiert am 08.04.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Die Erkenntnis, dass die Kirche den Menschen in den Mittelpunkt stellen sollte, ist nicht neu. Allein die Forderung nach Umsetzung wird immer dringender, so Theresia Kamp. Menschen wünschten sich von der Kirche eine Begegnung mit ihnen als Person.

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Es ist eine von mehreren Revolutionen der katholischen Kirche in Deutschland in letzter Zeit: Ganz offiziell dürfen im Bistum Essen jetzt auch Laien taufen. Begründet wird die Beauftragung von sogenannten außerordentlichen Taufspendern mit dem Priestermangel. In Zeiten hoher Austrittsraten und einer immer geringeren Sakramenten-Nachfrage lässt sich bezweifeln, ob das allein reicht. Eine Karikatur fragt ironisch: "Taufstau im Bistum Essen?" Dass es sicherlich auch um die Umsetzung von Reformanliegen geht, liegt auf der Hand. Das Bistum selbst gibt aber noch tieferliegende Gründe für ihre Entscheidung an – und die machen hellhörig.

Theresa Kohlmeyer, Leiterin der Abteilung Glaube, Liturgie und Kultur im Bistum Essen, nennt neben dem Priestermangel ein "hohes Bedürfnis der Tauffamilien nach einer möglichst individuellen Begleitung". Ähnlich formuliert es der Pressesprecher Thomas Rünker. Jungen Familien solle eine "pastorale Begleitung und individuell gestaltete Tauffeiern" ermöglicht werden.

Die Botschaft ist klar: Das, was hier eingefordert wird – eine persönliche Begleitung und Wertschätzung – existiert noch nicht. In vielen Gemeinden gibt es stattdessen noch immer sehr festgezurrte Strukturen. Von oben herab wird Menschen vorgegeben, wo sie reinpassen – und wo nicht. Ein individueller Termin? Oftmals Fehlanzeige, stattdessen der Verweis auf "Taufsamstage" mit mehreren Familien. Eine Begleitung, die mehr als die Vorbereitung der Feier ist und die Eltern darin unterstützt, in ihre neue, herausfordernde Rolle zu finden? Eher selten.

Die Erkenntnis, dass die Kirche den Menschen in den Mittelpunkt stellen sollte, ist nicht neu. Allein die Forderung nach Umsetzung wird immer dringender. Die Zeiten sind vorbei, als Kirche sich auf anderen Vorschusslorbeeren ausruhen konnte. Menschen wollen nicht "durchgeschleust" werden, sie wünschen sich eine Begegnung mit ihnen als Person. Als Folge einer echten Beziehung könnten dann die Chancen wieder steigen, dass auch der Funke des Glaubens überspringt. Zum Glück gibt es schon jetzt Seelsorgerinnen und Seelsorger, die eine solche menschenzugewandte und zugleich freudig-gläubige Pastoral ausüben: Frauen, Männer und sogar Priester.

Von Theresia Kamp

Die Autorin

Theresia Kamp hat Theologie und Romanistik studiert. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Pastoraltheologie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und schreibt regelmäßig für verschiedene christliche Medien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.