Standpunkt

Auch im Krieg gilt eine Wahrheit immer

Aktualisiert am 11.04.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Mit Propaganda will man im Krieg die Wahrheit für sich beanspruchen. Allem anderen wird das Recht abgesprochen. Michael Böhnke erinnert daran, dass nicht einer propagierten Wahrheit Recht zukommt, sondern jedem Menschen – ausnahmslos.

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Propaganda gehört zum Krieg. Sie zielt darauf, die öffentliche Meinung und das öffentliche Handeln zu beeinflussen und in eine bestimmte Richtung zu lenken. Zur Propaganda gehört, dass die Propagandisten für ihre Aussagen Wahrheit in Anspruch nehmen. Darin unterscheidet sich das "Truth" genannten Social-Media-Projekt von Donald Trump nicht von dem, was von Russland über die Kanäle von RT (Russia Today) als Wahrheit kommuniziert wird. Wer über die Methoden und die Ziele der Propaganda informiert und aufklärt, entlarvt die Inanspruchnahme der Wahrheit als "Lüge in der Politik" (H. Arendt).

Man durchschaut die Lügen der Propaganda jedoch erst dann, wenn man blickt, dass mit der Inanspruchnahme der Wahrheit im Krieg der Zweck einhergeht, den Krieg als Kampf gegen das Böse zu rechtfertigen. So im Einklang mit Putin der Moskauer Patriarch Kyrill. Die implizite Aussage lautet, dass alles, was gegen die Wahrheit spricht, kein Recht habe. Wer sich für das, was kein Recht hat, einsetzt, der kann verhaftet, angegriffen und vernichtet werden.

Humanität spielt dabei keine Rolle. Sie kommt erst dann wieder ins Spiel, wenn man erkennt, dass das Recht nicht der propagierten Wahrheit zukommt, sondern jedem Menschen. Ausnahmslos! Auch dem Andersdenkenden! Auch dem Feind! Auch dem Schwachen oder dem Unterlegenen!

Der Wert eines Menschen lässt sich nicht dadurch bestimmen, ob er gut oder böse handelt. Er liegt in der unbedingt anzuerkennenden Würde jedes Menschen. Man kann behaupten, dass man im Recht und der andere im Unrecht sei, aber man kann daraus nicht ableiten, dass man ihn mit Gewalt bekämpfen dürfe, dass der andere kein Existenzrecht habe, weil das Böse im Namen des Guten mit Gewalt vernichtet werden müsse.

Erst auf der Basis der Einsicht in die unbedingte Würde jedes Menschen sind diplomatische Verhandlungen, die auf Frieden zwischen Russland und der Ukraine zielen, sinnvoll. Davon wird der Westen und davon wird der Papst bei seinen diplomatischen Bemühungen nicht lassen können.   

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.