Standpunkt

Eine österliche Waffenruhe wäre Atempause und Chance

Aktualisiert am 14.04.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Eine österliche Waffenruhe im Ukraine-Krieg wäre vielleicht nicht kriegsentscheidend, kommentiert Ricarda Menne. Sie könne aber eine Atempause sein. Dabei dürfe man jedoch nicht vergessen, dass Golgatha nicht nur in Mariupol und Butscha liegt.

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Es waren überwiegend einfache Soldaten – Briten, Deutsche, Franzosen –, die während des "Weihnachtsfriedens 1914" die Waffen ruhen ließen, Zigaretten und Schokolade austauschten und gemeinsam im Niemandsland zwischen den Schützengräben Gottesdienst feierten. Es war Papst Johannes XXIII., der mit seinem Friedensappell auf dem Höhepunkt der Kubakrise Kennedy und Chruschtschow die Möglichkeit eröffnete, gesichtswahrend vom Abgrund eines Atomkrieges zurückzuweichen. Es war ein Soldat der Roten Armee, der in den letzten Kriegswochen 1945 einem Zwanzigjährigen in der Uniform des Feindes kurz nach der Gefangennahme sagte, "Junge, gehen nach Hause, gehen nach Mama." Gut möglich, dass er meinem Großvater mit diesen Worten nicht nur die Freiheit, sondern auch das Leben geschenkt hat …

Kleine und große Geschichten von Menschlichkeit, Barmherzigkeit, Vernunft und wie auch immer wir "Auferstehung" buchstabieren wollen inmitten von Krieg, Verderben und Tod.

Christen der katholischen und der verschiedenen protestantischen Kirchen feiern in diesen Tagen Ostern, die Christen der meisten orthodoxen Kirchen feiern in der kommenden Woche den Sieg des Lebens über den Tod. Eine österliche Waffenruhe in der Ukraine, zu der Anfang der Woche Papst Franziskus aufgerufen hat, wäre vermutlich nicht kriegsentscheidend. Sie wäre nicht der Anfang vom Abzug der russischen Truppen. Aber sie wäre eine Atempause: für eine halbwegs sichere Flucht aus eingekesselten Städten und für halbwegs sichere Hilfsgütertransporte in die eingekesselten Städte, für Trauer um die Toten, für einen Austausch von Gefangenen, für weitere Verhandlungen, vielleicht auch dazu, zur Besinnung zu kommen – kurzum: dafür, dass die Stimme der Vernunft und der Menschlichkeit vernehmbar wird und vernehmbar bleibt.

Bei alledem dürfen wir die Menschen und die Orte nicht vergessen, die angesichts des Kriegs in der Ukraine in den Hintergrund geraten sind. Golgatha liegt nicht nur in Mariupol und Butscha – es liegt in den Kriegs- und Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens und Afrikas, in den Slums und Favelas asiatischer und lateinamerikanischer Großstädte, auf den Fluchtrouten durch die Sahara und über das Mittelmeer.

Von Ricarda Menne

Die Autorin

Ricarda Menne ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion. Außerdem ist sie in der Hochschulpastoral der Bergischen Universität Wuppertal tätig.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.