Wallfahrtsort im Bistum Osnabrück erwacht nach Corona zu neuem Leben

Die Kreuztracht in Lage: Leid und Tod gemeinsam mit Jesus tragen

Aktualisiert am 15.04.2022  –  Lesedauer: 

Lage-Rieste ‐ Am Karfreitag gedenkt die Kirche des Todes Jesu. Eine Möglichkeit, sein Leiden fühlbar nachzuvollziehen, ist die Kreuztracht im niedersächsischen Wallfahrtsort Lage. Das Holz des Kreuzes auf die eigenen Schultern zu nehmen ist zudem eine Antwort auf die Ohnmacht angesichts von Schmerz und Tod.

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Es surrt leise, wenn an der kleinen Seilwinde gedreht wird und sich das lebensgroße Kruzifix von der Kirchenwand löst – fast scheint es so, als würde der Gekreuzigte zu den unter ihm in der Kirche versammelten Menschen herabschweben. Drei Gläubige stehen bereit, um den hölzernen Leichnam Jesu zu "umarmen", wie es Bruder Bernhardin M. Seither liebevoll nennt. Der Franziskaner-Minorit ist seit vergangenem Jahr Rektor der Wallfahrt zum Heiligen Kreuz von Lage im Bistum Osnabrück. Bruder Bernhardin findet es jedes Mal aufs Neue berührend, wenn Pilgergruppen aus ganz Norddeutschland zum 135 Kilogramm schweren Kruzifix kommen und es auf ihre Schultern laden, um so Schmerz, Leid und Tod stellvertretend für andere zu tragen. Mehrere Mal wird es so um die Pfarrkirche St. Johannes der Täufer in Lage-Rieste – etwa 20 Kilometer nördlich von Osnabrück – getragen, um für Kranke oder Verstorbene zu beten.

Bruder Bernhardins Aufgabe ist die pastorale Begleitung der zahlreichen Gruppen aus Nordwestdeutschland, die sich auf den Weg zum Lager Kreuz machen. "Es kommen, gerade in der Fastenzeit, Pilger aus Kirchengemeinden oder katholischen Verbänden der Region, die oft ihren festen Termin für die Kreuztracht haben", weiß der Wallfahrtsseelsorger. Aber auch Familien, Freundeskreise oder Nachbarschaften pilgerten oft nach Lage, wenn es in ihrem Umfeld ein schweres Unglück oder einen Todesfall gegeben habe. "Wir tragen jetzt am Kreuz den, der unser Leben trägt", sagt Bruder Bernhardin den Pilgern dann. Doch der Ordensmann weiß, dass beim Verlust eines Menschen meist jedes Wort zu viel ist. Für ihn liegt darin auch der entscheidende Grund, warum das Tragen des mehr als 700 Jahre alten Kreuzes die Menschen nach wie vor fasziniert: "Die Kreuztracht steht dafür, dass man trotz seiner Ohnmacht und Trauer etwas tun kann: Das Kreuz zu tragen bedeutet anzupacken, es ist eine Tat des Glaubens, von der Überzeugung getragen, dass Jesus das Leid mitträgt."

Gleichzeitig sei das Tragen des Kreuzes ein Gebetsakt, der die eigenen Bitten vor Gott bringt. Als Bild dafür verweist Bruder Bernhardin auf die hölzerne Vorrichtung, die das Kruzifix zu dessen besserem Schutz umgibt und mit angefügten Griffen auch bei der Kreuztracht hilft: "Dieser Rahmen ist wie eine Schale, in die wir unsere Bitten hineinlegen können und sie sind unmittelbar bei Gott." Bei schlechtem Wetter wird das um 1300 entstandene Kreuz aus Eichenholz jedoch nicht verwendet, da die Witterung der historischen Darstellung schaden könnte. Dafür steht ein schlichtes naturbelassenes "Allwetter-Kreuz" ohne Kruzifix, aber von gleicher Größe zur Verfügung. "Außerdem gibt es ein einfaches Vortragekreuz, das gerne von Gruppen zum Gebet getragen wird, die das große Kreuz nicht mehr schultern können", denn unter den mehreren hundert Pilgern im Jahr befänden sich viele Senioren.

Krankenwallfahrt in Lage
Bild: ©Bistum Osnabrück / Hermann Haarmann

Bei der jährlichen Krankenwallfahrt des Bistums Osnabrück im Wallfahrtsort Lage versammeln sich die Beter vor dem Heiligen Kreuz.

Egal welches Kreuz verwendet wird, die Kreuztracht in Lage beginnt mit der Feier der Heiligen Messe, erklärt Bruder Bernhardin. Danach werden vor dem Heiligen Kreuz in einem Seitenraum der Pfarrkirche Gebetsanliegen gesammelt. Die sogenannte "Kapelle des Lichts" wurde 2019 künstlerisch vom französisch-südkoreanischen Dominikaner Kim en Joong neugestaltet und erstrahlt bei Sonnenschein in bunten Farben. Ein auffälliger Kontrast zum leidenden Schmerzensmann am Lager Kreuz. "Vor dem Kruzifix beten wir neben den konkreten Personen, für die eine Gruppe zur Kreuztracht anwesend ist, immer auch für alle Kranken, das Pflegepersonal und die Verstorbenen", so der Franziskaner. Außerdem bete man für den Frieden in aller Welt, wie aktuell besonders in der Ukraine – aber auch für Frieden in Familien und Beziehungen. Das sei besonders wichtig, denn oft erfahre Bruder Bernhardin in der Beichte, die in Lage ebenfalls wichtig ist, von Leid und seelischen Verletzungen in vielen Familien.

Krankenwallfahrt am Fest der Kreuzerhöhung

Wenn das Kreuz um die Kirche getragen wird, betet die anwesende Gruppe den Rosenkranz, Litaneien oder andere Gebete, die Bruder Bernhardin entsprechend der konkreten Anliegen vorbereitet hat. "Bei den letzten beiden Kreuztrachten haben wir für zwei Menschen gebetet, die in einem relativ jungen Alter verstorben sind. Das nimmt alle Betroffenen sehr mit und sollte sich auch in den Gebeten widerspiegeln." An zwei Seiten der Kirche sind steinerne Stelen aufgestellt, an der die Pilgergruppe beim mehrfachen Umrunden des Gotteshauses Station machen und das Kreuz abgelegt werden kann. Meist wechseln dort die Träger. "Dabei sind es nicht nur Männer, die bei der Kreuztracht die Last Christi auf ihre Schultern nehmen. Auch Frauen tragen das Heilige Kreuz." Dies sei besonders in Kriegszeiten so gewesen, wie ihm langjährige Pilgerinnen vor kurzem erklärt hätten, so der Wallfahrtsrektor. Zwischen einer halben und einer ganzen Stunde dauert die Kreuztracht, die meist mit der anschließenden Komplet endet.

Neben der Fastenzeit, in der viele Menschen zur Wallfahrt zum Heiligen Kreuz kommen, ist das Fest der Kreuzerhöhung (14. September) ein besonderer Tag in Lage. Am Festtag oder am Sonntag danach findet dort die jährliche Krankenwallfahrt des Bistums Osnabrück statt, bei der das historische Kruzifix ebenfalls um die Kirche getragen und den Anwesenden ein bischöflicher Einzelsegen gespendet wird. Dieser Fokus auf das Gebet für Kranke und Verstorbene sowie die Möglichkeit, das Kreuz Jesu sich auf die Schultern legen zu lassen, unterscheidet die Lager Kreuztracht deutlich von Prozessionen oder Passionsspielen mit gleichem Namen. Diese sind als Kreuztracht vor allem in einigen Orten Norddeutschlands und Westfalens bekannt, wie etwa Meppen, Wiedenbrück oder Menden. Die zumeist an den Kartagen abgehaltenen religiösen Veranstaltungen erinnern an die Passion Jesu und blicken auf eine lange Tradition zurück, denn sie wurden im 16. Jahrhundert zur Zeit der Gegenreformation eingeführt.

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Die Kreuztracht in Lage kann sich jedoch auf weitaus länger zurückreichende Wurzeln berufen: 1315 wurde das Heilige Kreuz vom Osnabrücker Bischof Engelbert II. geweiht und seitdem von Gläubigen verehrt – auch durch das Umhertragen des Kruzifixes. Der Andrang der Pilger war so groß, dass rund hundert Jahre später die Pfarrkirche errichtet wurde. Sie gehört zum historischen Gebäudekomplex des Klosters Lage, einer ehemaligen Kommende des Johanniterordens, die 1245 gestiftet wurde. Bis 2020 beherbergte das Kloster kontemplative Dominikanerinnen, die sich jedoch dazu entschieden, diesen Standort zu verlassen. Im vergangenen Jahr wurde daher mit vier Ordensleuten in Lage ein Konvent der Franziskaner-Minoriten ins Leben gerufen – die erste Neugründung des Ordens seit 63 Jahren in Deutschland.

Deshalb, aber auch aufgrund der zweijährigen Wallfahrtspause in Lage wegen der Corona-Pandemie, ist Bruder Bernhardin im Moment dabei, die Lager Kreuztracht neu zu erfinden. Denn in den vergangenen Wochen haben die Kreuztrachten erstmals wieder stattfinden können. "Neben der klassischen Form der Wallfahrt, etwa mit dem Rosenkranzgebet, soll es künftig neue Ansätze geben", verrät der Seelsorger. So soll die Kreuztracht etwa für junge Menschen erschlossen werden, mit Gebeten und Gesängen, die Jugendliche ansprechen. Die Zielgruppe soll sich bei der Entwicklung eines neuen Wallfahrtskonzepts in den kommenden Monaten einbringen können. "Außerdem waren vor kurzem auch Kindergartenkinder beim Heiligen Kreuz." Gemeinsam wurden kleine Kreuze aus Papier bemalt und vor dem historischen Kruzifix abgelegt.

Um die große Kraft auszudrücken, die von der Kreuztracht ausgeht, hat Bruder Bernhardin vor, Geschichten von besonderen Erlebnissen mit dem Lager Kreuz zu sammeln, die Pilger gemacht haben. "Mir wurde berichtet, dass ein todkranker Mensch gelitten hat und nicht sterben konnte. Aber als seine Verwandten hier das Kreuz für ihn trugen, war er bereit dazu und verstarb friedlich." Es gebe zudem den Bericht der Heilung eines sieben Jahre alten Jungen, der von einer schweren Krankheit genesen sein soll, nachdem seine Familie an der Kreuztracht teilgenommen hatte. Doch diese Geschichten sind für Bruder Bernhardin nur ein Seitenaspekt: "Die Kreuztracht sagt uns, dass unser Gott das Leid kennt und uns selbst im Tod nicht allein lässt." Der Franziskaner-Minorit ist überzeugt, dass diese Grundaussage des christlichen Glaubens nicht nur am Karfreitag von elementarer Bedeutung ist, sondern an jedem Tag.

Von Roland Müller