Alessandro Moreschi war bekannt als "Engel von Rom"

Vor 100 Jahren: Als der letzte Kastrat des Päpstlichen Chors starb

Aktualisiert am 21.04.2022  –  Lesedauer: 

Bonn ‐ Bis Anfang des 20. Jahrhunderts sangen Kastraten im Chor der Sixtinischen Kapelle. Einer der letzten war Alessandro Moreschi. Von ihm existieren sogar noch Tonaufnahmen – Zeugnisse einer vergangenen Epoche. Vor 100 Jahren starb er.

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Papst Leo XIII. wollte nicht in den Trichter sprechen, als die Gebrüder Gaisberg 1902 die Stimme des Papstes auf Schellack pressen wollten. Stattdessen schlug man den Brüdern Alessandro Moreschi vor, den Leiter der "Capella Sistina". Und so sang Moreschi das berühmte "Ave Maria" von Charles Gounod, das man heute auf YouTube abrufen kann.

Darüber hinaus existieren noch einige, wenige Aufnahmen Moreschis. Sie sind das einzig verbliebene hörbare Zeugnis der Kastratenstimmen, die über Jahrhunderte das Publikum in ganz Europa verzückten. Alessandro Moreschi, erst Sänger, dann Leiter des päpstlichen Chores der Sixtinischen Kapelle, starb vor 100 Jahren, am 21. April 1922.

"Es lebe das Messerchen!"

Die Aufnahmen irritieren, denn sie lassen völlig den Glanz vermissen, den man mit den Kastratenstimmen verbindet. "Evviva il coltellino!" – "Es lebe das Messerchen!" sollen begeisterte Zuhörer den Kastraten zugerufen haben, wenn sie ihre hohen Stimmen minutenlang, ohne Luft zu holen, auf und ab steigen ließen. Wie genau diese Stimmen klangen, weiß man nur ungefähr. Zwar liegen von den Arien, die eigens für die bekannten Kastraten geschrieben wurden, Noten vor, doch bleibt die Klangfarbe letztlich verborgen.

1599 wurden Rossino Girolamo und Pietro Paolo Folignante in den Chor der Sixtinischen Kapelle aufgenommen, sie waren die ersten Kastraten. Es bestand ein großer Bedarf an Sopranstimmen, aber nach dem Paulinischen Gebot im ersten Korintherbrief (1 Kor 14,34) sollten Frauen in der Kirche schweigen – also auch nicht singen. 1588 verbot Papst Sixtus V. Frauen auf den Bühnen des Kirchenstaates aufzutreten. Kastration war eigentlich auch verboten und stand unter der Strafe der Exkommunikation. Was tun?

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Die Kirche wurde zum wahrscheinlich größten Arbeitgeber der Kastraten, weil schließlich die schönen Stimmen zur Ehre Gottes erklangen. Die große Zeit der Kastraten war das 17. und 18. Jahrhundert. Sie sangen in Kirchenchören oder auf Opernbühnen, wo sie gefeiert wurden. Eine Schlüsselfigur war der neapolitanische Komponist und Gesangspädagoge Nicola Porpora (1686-1768), der gleich fünf der bekanntesten Kastraten ausbildete: Farinelli, Caffarelli, Salimbeni, Appiani und Porporino.

Damals zogen Talentsucher durch das Land, denen gerade von armen Familien Jungen angeboten wurden, besonders eben in Neapel. Viele überlebten die Operation in dunklen Hinterzimmern nicht. Wenn sie die Kastration überstanden, war noch lange nicht sicher, dass sie eine so schöne Stimme entwickelten, dass es für eine große Karriere reichte. Ob berühmt oder nicht, ihr Leben war keinesfalls einfach. Die Kastration führte vielfach zu psychischen Problemen, von den körperlichen Deformationen ganz abgesehen. Für den Musikgenuss sind mehr als zwei Jahrhunderte eine unbekannte, aber sicherlich hohe Zahl an Jungen ihrer Gesundheit und Identität beraubt worden.

Epigonen einer untergegangenen Epoche

Alessandro Moreschi wurde 1858 geboren. Wann er kastriert wurde, ist nicht bekannt. Seinen Ruhm als "Engel von Rom" gründete auf seinem Auftritt als Engel in Ludwig van Beethovens Oratorium "Christus am Ölberg" in der Fastenzeit 1883. Er sang erst im Chor der Lateranbasilika, dann im päpstlichen Chor, dessen Leitung er später übernahm. 1917 wurde er pensioniert.

Der Chor der päpstlichen Kapelle ist der älteste der Welt, seine Geschichte reicht mehr als 1.400 Jahre zurück. 1898 sangen noch sieben Kastraten im päpstlichen Chor, unter ihnen Moreschi, doch waren sie eigentlich nur noch Epigonen einer untergegangenen Epoche. Zwar singen bis heute keine Frauen im päpstlichen Chor, doch seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden endgültig keine Kastraten mehr aufgenommen.

Cecilia Bartoli sang 2017 als erste und bislang einzige Frau in der Sixtinischen Kapelle mit dem päpstlichen Chor. Und das, obwohl die weltbekannte Sängerin 2009 ein Album mit dem Titel "Sacrificium" (Opfer) veröffentlicht hatte, auf dem sie Arien für Kastraten sang. Beigefügt war der CD ein außergewöhnlich umfangreiches Booklet zur Geschichte der Kastraten, in dem Bartoli nicht mit Kritik an der Kirche sparte. Aber eine schöne Stimme, die zur Ehre Gottes erklingt – dem ist nur schwer zu widerstehen.

Von Christiane Laudage (KNA)