Standpunkt

Heilige Stätten schützen!

Aktualisiert am 21.04.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Ob aktuell im Heiligen Land oder in der Ukraine: Die Beschädigung religiöser Stätten wolle den "Feind" an seiner empfindlichsten Stelle treffen, kommentiert Christoph Strack. Um dagegen anzugehen, brauche es mehr Engagement – auch politisch.

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Gewalttätige Protestierer, die Vorräte an Wurfgeschossen auf dem Boden der Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem sammeln und mutmaßlich auch Brandsätze aus dem Gebäude werfen. Israelische Sicherheitskräfte, die bewaffnet und prügelnd in die Moschee eindringen. Palästinensische Randalierer, die das Josefsgrab bei Nablus verwüsteten...

Ereignisse aus den vergangenen Tagen, die fassungslos machen. Und bei jeder einzelnen Szene ist mir letztlich egal, dass man alles irgendwie erklären oder entschuldigen kann. Denn jedes der drei Ereignisse steht für einen Angriff auf oder eine Verletzung einer religiösen Stätte.

Die Szenen aus Jerusalem reihen sich ein in viele Bilder dieser Tage und sind nicht mal die schlimmsten. In der Ukraine wurden seit dem Überfall vor acht Wochen reihenweise Kirchengebäude mehr oder weniger beschädigt. In Kiew fürchten viele sogar die Zerstörung der Sophien-Kathedrale, eines der großen religiösen Bauwerke Osteuropas und ein Zeichen der kulturellen Identität des Landes.

Der Missbrauch und die bewusste Missachtung religiöser Stätten stehen in einer traurigen Tradition. Das war in den Jugoslawienkriegen seit 1991 so und auch – um ein dramatisches Beispiel aus Deutschland zu nennen – beim Anschlag auf die Synagoge voller Beter am Jom Kippur 2019 in Halle an der Saale. In vielen Fällen – bei blutigen Anschlägen auf muslimische Gotteshäuser in der arabischen Welt – schafft es der religionsfeindliche Terror eh nur bei höheren Opferzahlen in die mitteleuropäischen Medien.

Es geht immer darum, den Feind, die anderen an ihrer empfindlichsten Stelle zu treffen, ihrem Heiligsten, ihrer Religion. Es geht darum, die Religion des andern zu treffen oder auszulöschen. Dem muss der Respekt entgegenstehen. Bedingungsloser Respekt.  

Seit vielen Jahren gibt es gutwillige Bemühungen auf dem offiziellen Parkett. Bei den Vereinten Nationen findet sich ein "Universeller Verhaltenskodex für Heilige Stätten" (Universal Code of Conduct on Holy Sites). Eine beeindruckende Homepage mit einer Chronologie des Engagements. Und dem stolzen Hinweis auf das Dokument, übersetzt in 13 Sprachen. Nur: die aufgeführten Links führen ins Nichts.

Dabei muss die Politik das Thema ernster nehmen. Die deutsche Außenpolitik war auf diesem Feld schon mal ausgesprochen engagiert. Auf internationaler Ebene sind es vor allem Initiativen wie "Religions for Peace" und "Search for Common Ground", die da mahnen und werben. Aber es ist ein langer langer Weg vom guten Vorsatz bis zur Umsetzung, sei es in der schulischen Bildung, sei es seitens der religiösen Autoritäten. Dieses Engagement ist in diesen Zeiten des Konflikts wichtiger denn je.

Von Christoph Strack

Der Autor

Christoph Strack ist Leiter des Bereichs Religionen der Deutschen Welle.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.