Standpunkt

Die Volkskirche geht – ihr Gutes muss bewahrt werden

Aktualisiert am 22.04.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Die Volkskirche ist am Ende. Diese Feststellung von Bischof Peter Kohlgraf ist zwar keine neue Erkenntnis, doch sie hat Roland Müller zum Nachdenken über die Nähe der Kirche zu den Menschen gebracht. Er fordert, das Gute der Volkskirche zu bewahren.

  • Teilen:

HTML-Elemente (z.B. Videos) sind ausgeblendet. Zum Einblenden der Elemente aktivieren Sie hier die entsprechenden Cookies.

Tiefgreifende Änderungen bestimmen die Kirche bereits seit Jahrzehnten: "Die Zeit der Volkskirche geht dem Ende entgegen oder ist bereits an ein Ende gekommen", sagte Bischof Peter Kohlgraf gestern. Das bedeutet: Immer weniger Menschen in Deutschland sind Christen und der Glaube büßt seine Selbstverständlichkeit ein. Es ist leicht, einen Abgesang auf die Volkskirche anzustimmen – denn sie hatte viele Fehler. Machtmissbrauch durch den Pfarrer, sozialer Druck durch die Gemeinde und eine unheilige Allianz zwischen Klerus und Politik sind nur einige der Missstände, die an vielen Orten anzutreffen waren.

Doch mit dem Ende der Volkskirche droht eines der bedeutendsten Kennzeichen des deutschen Katholizismus wegzufallen, das für die erfolgreiche Weitergabe des Glaubens von immenser Bedeutung ist: die Nähe der Kirche zu den Menschen. Sie ist das Gute der Volkskirche, das in die Zukunft hinübergerettet werden muss. Im katholischen Milieu kannte der Pfarrer die Gläubigen seiner Gemeinde meist persönlich, die sprichwörtliche "Kirche im Dorf" war das Zentrum des Ortes und durch vielfältige konfessionelle Vereine und Verbände wirkten Katholiken in die Gesellschaft hinein. Sie prägten damit nachhaltig Politik und Kultur in Deutschland.

Vor einigen Jahren forderte Bischof Gerhard Feige aus dem Diaspora-Bistum Magdeburg, dass die Kirche in Zukunft wenigstens eine "schöpferische Minderheit" sein soll. Wenn die Kirche dieses Ziel erreichen will, darf sie sich nicht auf ihre Immobilien fokussieren, sondern muss durch ihre Mitglieder sichtbar bleiben. Dabei wird es für die Gläubigen nicht mehr so bequem sein wie in der Volkskirche. Denn es werden kaum Priester, pastorale Mitarbeiter und Religionslehrer da sein, die als beauftragte Repräsentanten der Amtskirche den Glauben weitergeben. Jeder Katholik ist gefordert. Künftig wird die Kirche noch viel stärker als aktuell von den Laien getragen werden, die ihr Christsein im direkten Umfeld, im Beruf, in der Schule oder im Freundeskreis leben.

Deshalb tun die Bischöfe schon jetzt gut daran, dem Sterben der Volkskirche ins Auge zu sehen und sich an den Gläubigen auszurichten. Das Gute dieser sterbenden Zeit kann nur in die Zukunft übertragen werden, wenn heute mit der Stärkung der Laien begonnen wird. Sie müssen lernen, sprachfähig zu werden, um vom Glauben Zeugnis abzulegen. Die Nähe zu den Menschen, zu ihren Sorgen, Nöten und Hoffnungen über die konfessionellen Grenzen hinaus ist das Gute der Volkskirche und ein Auftrag für die Zukunft.

Von Roland Müller

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.