Standpunkt

Der Krieg in der Ukraine hat Trugbilder zerstört

Aktualisiert am 27.04.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Der Krieg vor unserer Haustüre verändert alles, meint Albrecht von Croy. Die komplette Kirchentagsrhetorik der vergangenen dreißig Jahre liege zerschmettert am Boden. Er fordert einen neuen Blick für das wirklich Wesentliche, auch in der Kirche.

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Alle Menschen werden Brüder? Eine alte Sehnsucht, beschworen in Beethovens Ode an die Freude, die sich Europa als Hymne gegeben hat. Unsere Sehnsüchte gelten gern den schönen Dingen. Wir wollen geliebt werden und lieben, wir wollen ein andauerndes Wohlgefühl und seine weichen Themen, wir wollen in einer friedlichen Welt leben und Frieden schenken, wir wollen die eine große heile Welt, wie wir die eine große heile Kirche wollen.

"Denkt nicht, dass ich gekommen bin, Frieden in die Welt zu bringen. Nein, ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern Streit" (Matthäus 10,34). Der Krieg vor unserer Haustür verändert alles. Das eherne "nie wieder" einer ganzen Generation schmolz mit dem ersten Kanonenschlag des Neo-Imperialisten Putin und den Bildern des erbarmungslosen Hinschlachtens aus Butscha und anderen Orten des Grauens dahin. Und schon beginnt der Streit: "Frieden ist immer noch möglich, wenn nur die Ukrainer sich schnell ergeben", sagen selbsternannte Sehnsuchtsapologeten. Wer jetzt Waffen schickt, hilft nicht den Menschen, sondern verlängert das Elend, suchen die Verantwortlichen einer gescheiterten Friedenspolitik ihr Fell zu retten. "Frieden schaffen ohne Waffen", "Schwerter zu Pflugscharen": dass die komplette Kirchentagsrhetorik der vergangenen dreißig Jahre zerschmettert am Boden liegt, wollen viele nicht wahrhaben.

Illusionen, Trugbilder und Lebensentwürfe sind zerschellt am 24. Februar 2022. Und eine Erkenntnis gewachsen: wir sind zu viel und zu gern über Nebensächlichkeiten in Streit geraten. Prägnant gesagt: nicht das Gendern bewahrt den Weltfrieden, ebenso wenig wie das stete Bejammern einer manchmal auch eingebildeten Diskriminierung. Die Bewahrung von Frieden hängt nicht in erster Linie von Geschlechtergerechtigkeit oder einer "feministischen Außenpolitik" ab, sondern von der nüchternen Erkenntnis der harten Fakten und den richtigen Schlüssen daraus. Wir haben uns in der Kirche um innere Befindlichkeiten und Formulierungen gestritten, wir haben unentwegt von christlichen Werten gesprochen, aber eben gar nicht mehr von Christus.

"Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren. Wer es aber um meinetwillen verliert, wird es gewinnen" (Matthäus 10,39). Die Sehnsucht, die uns bleibt: alle Menschen werden dann Brüder, wenn wir uns um Wesentliches streiten, mit Fakten, Erkenntnissen und der Akzeptanz von manchmal ungeschönter Wirklichkeit.

Von Albrecht von Croy

Der Autor

Albrecht von Croy ist Mitherausgeber von "theo – das katholische Magazin" und Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.