Standpunkt

Irgendwann wird man wieder Russlandversteher brauchen

Aktualisiert am 09.05.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Aufrüstung, Boykott – gegen Russland wird wegen des Angriffs auf die Ukraine momentan oft hartes Vorgehen gefordert. Abtpräses Jeremias Schröder hält das für unklug. Er verweist auf Perspektiven für eine Welt der Zukunft.

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Jahrzehntelang gültige Maximen deutscher Außenbeziehungen sind in den letzten drei Monaten unter die Räder gekommen: "Wandel durch Handel", "Europäische Sicherheitspolitik nur mit Russland" und vieles mehr. Ihre Urheber und Vertreter sind bestenfalls in die Defensive geraten, und stehen schlimmstenfalls in der Schmuddelecke beim ehemaligen Kanzler. Derzeit übertrifft man sich gerne gegenseitig im Boykottieren und Kappen alter Beziehungen. Das ist verständlich, aber auch unklug.

Der russische Angriff auf die Ukraine wird eine Welt hervorbringen, in der sich ein neu gefasster Westen sehr deutlich absetzen wird von einem Block aus China und Russland. Russland, immens geschwächt durch die Ereignisse dieser Monate, wird dabei kaum mehr als ein geopolitischer Pudel Chinas sein können.

Mit einer derart gespaltenen Welt, die sich da anbahnt, werden wir uns aber nicht abfinden wollen. Wenn sich der Kanonenrauch einmal verzogen hat, brauchen wir wieder Russlandversteher. Es wäre klug, schon jetzt etwas pfleglicher mit den Brückenköpfen und Anknüpfungspunkten umzugehen, die in ein paar Jahren wieder benötigt werden, um mit diesem schwierigen und doch wichtigen Land Kontakt zu pflegen.

Das hat auch eine kirchliche Dimension. Gelingt es uns, so über die russisch-orthodoxe Kirche und ihren desavouierten Patriarchen sprechen, dass noch Gesprächskanäle verfügbar bleiben, um in ein paar Jahren wieder ernsthaft christlich und ökumenisch mit dem – bis dann hoffentlich erneuerten – Patriarchat in Moskau reden und handeln zu können?

Und können wir in den bevorstehenden Jahren der kalten Distanz trotzdem kulturelle und menschliche Beziehungen pflegen, damit junge Russen Erfahrungen mit Deutschland und Westeuropa machen können, die ihnen helfen, die grobgezeichnete Propaganda der Kriegslegitimierer zu durchschauen?

Das ist eine Aufgabe für den Katholischen Akademischen Austauschdienst KAAD, das exzellente Stipendienprogramm der deutschen Bischöfe für ausländische Studierende in Deutschland, mit einem sehr professionellen Osteuropa-Programm.  Der KAAD kann im Stillen in den kommenden Jahren Fundamente für die Brücken legen, die wir bald wieder dringend brauchen werden.

Von Jeremias Schröder OSB

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der jeweiligen Autorin bzw. des Autors wider.

Transparenzhinweis

Der Autor ist Vertreter der deutschen Ordensgemeinschaften in der Mitgliederversammlung des KAAD.