Standpunkt

Wann haben wir verlernt, uns ökumenisch zu freuen?

Aktualisiert am 13.05.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ Gleich zweimal wurde in dieser Woche Kirchengeschichte geschrieben. Doch leider seien diese freudigen Ereignisse in den Westkirchen kaum zur Kenntnis genommen worden, kommentiert Pater Nikodemus Schnabel. Er wünscht sich mehr ökumenische Freude.

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Diese Woche war eine gute Woche für die Ökumene: Der 9. Mai 2022 hat gleich in zweifacher Hinsicht Kirchengeschichte geschrieben!

Zum einen sind Vertreter der "Heiligen Apostolischen Katholischen Assyrischen Kirche des Ostens" mit der "Alten Heiligen und Apostolischen Kirche des Ostens" zusammengekommen, um das seit 1964 bestehende Patriarchats-Schisma zwischen diesen beiden Zweigen der Assyrischen Kirche zu überwinden und wieder zur vollen Kircheneinheit zusammenzufinden. Ein jahrzehntelanger Graben mit vielen damit verbundenen gegenseitig zugefügten Verwundungen lässt sich natürlich nicht über Nacht heilen, aber die Signale nach diesem ersten Treffen und das bereits vereinbarte Folgetreffen nähren ernsthaft die Hoffnung, dass eine vollständige Versöhnung und Wiedervereinigung der beiden Kirchenzweige in sehr greifbarer Zukunft zu erhoffen ist.

Zum anderen hat das Ökumenische Patriarchat von Konstantinopel am selben Tag die seit 1967 unkanonische "Mazedonische Orthodoxe Kirche" unter dem Namen "Kirche von Ohrid" aus der "Schmuddelecke" der orthodoxen Kirche geholt, indem es mehreren Hunderttausenden von Gläubigen mitsamt ihrer kirchlichen Hierarchie in Nordmazedonien die volle Kommuniongemeinschaft gewährt hat. Die darauffolgenden Reaktionen beziehungsweise Nicht-Reaktionen der anderen autokephalen orthodoxen Kirchen lassen darauf schließen, dass das Ökumenische Patriarchat diplomatisch sensibel im Hintergrund und Vorfeld alles sehr gut vorbereitet hat, sodass eine entsprechende Anerkennung der Serbischen Orthodoxen Kirche und der anderen autokephalen Kirchen in sehr naher Zukunft zu erwarten ist. Man kann nur erahnen, was das für die orthodoxen Gläubigen Nordmazedoniens bedeuten muss, wenn ihnen nach Jahrzehnten der Ausgrenzung auf einmal die zugeschlagenen Türen geöffnet werden und sie dann wohl auch bald in der Jerusalemer Grabes- und Auferstehungskirche als Pilgerinnen und Pilger die Göttliche Liturgie am Ort der Auferstehung Christi feiern dürfen!

Leider sind diese beiden freudigen Ereignisse in den Westkirchen kaum zur Kenntnis genommen worden. Zu sehr ist man damit beschäftigt, über die Rolle der orthodoxen Kirche im Krieg gegen die Ukraine entsetzt zu sein. Ja, zur ökumenischen Geschwisterlichkeit gehört die offene und ehrliche Kritik an der Schwesterkirche, wenn diese theologisch und moralisch geboten ist, wie im Fall des Kriegs gegen die Ukraine. Es gehört hierzu aber auch die Solidarität mit den verfolgten Geschwistern, das Weinen mit den weinenden Geschwistern und die Freude mit den fröhlichen Geschwistern (vgl. Röm 12,15). Wann haben wir eigentlich verlernt, uns ökumenisch zu freuen?

Von Pater Nikodemus Schnabel

Der Autor

Der Jerusalemer Benediktinermönch Nikodemus Schnabel OSB ist Lateinischer Patriarchalvikar für alle Migranten und Asylsuchenden und Direktor des Jerusalemer Instituts der Görres-Gesellschaft (JIGG).

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.