Moraltheologen würdigen Papstschreiben bei Kongress in Rom

Tagung zu "Amoris laetitia": Gewissensentscheide statt starrer Normen

Aktualisiert am 14.05.2022  –  Lesedauer: 
Ein Mann hält das Papstschreiben "Amoris laetitia" in der Hand
Bild: © KNA

Rom/Vatikanstadt ‐ Bei einem Kongress in Rom haben sich Theologen mit "Amoris laetitia" beschäftigt. Dabei forderten sie eine Weiterentwicklung der katholischen Sexualmoral: Im Vordergrund stehen sollten Gewissensentscheidungen und der "Glaubenssinn des Gottesvolks".

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"Amoris laetitia", das Papst-Schreiben zu Ehe und Familie, gehört zu den wohl umstrittensten Dokumenten des Franziskus-Pontifikats. Es fasste die Ergebnisse von zwei römischen Bischofssynoden über Fragen zu Ehe und Familie zusammen. Als der Text am 19. März 2016 erschien, wurde heftige Kritik von konservativer Seite laut. Was viele als überfälligen Abschied von einer starren und rigoristischen Sexualmoral begrüßten, erschien in den Augen der Kritiker als gefährliche Aufweichung und Relativierung zentraler katholischer Lehren.

Vor allem umstritten war damals die Frage des Kommunionempfangs von wiederverheirateten Geschiedenen. Besonders ablehnend gegenüber Veränderungen hatten sich um Umfeld der beiden Familiensynoden Vertreter des "Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie" geäußert. Daraufhin tauschte Franziskus die Führung aus; einige Professoren verloren ihren Job. Im September 2017 wurde die Einrichtung schließlich als "Päpstliches Theologisches Institut Johannes Paul II. für Ehe- und Familienwissenschaften" neu gegründet.

"Glaubenssinn des Gottesvolkes" als Ausgangspunkt

Sechs Jahre später ist aus dem Institut offenbar nicht mehr mit Kritik am Kurs des Papstes zu rechnen. In dieser Woche trat es als Mitveranstalter einer internationalen Konferenz zu "Amoris laetitia" an der römischen Jesuiten-Universität Gregoriana auf. An der von Mittwoch bis Samstag dauernden Tagung nahmen auch die Kurienkardinäle Kevin Farrell und Mario Grech teil. Farrell leitet das Dikasterium für Laien, Familie und Leben, Grech ist Generalsekretär der Bischofssynode.

Grech betonte die zentrale Bedeutung einer "Kultur des Dialogs" unter den Gläubigen. "Amoris laetitia" sei aus den Beratungen zweier Synoden hervorgegangen, die er als "dynamischen Prozess" erlebt habe. Voraussetzungen für einen gelingenden Dialog sei die Bereitschaft zum Zuhören und die gegenseitige Wertschätzung der Gesprächspartner. Ausgangspunkt der "kritischen Funktion der Glaubensreflexion" der Theologie müsse dabei der "Glaubenssinn des Gottesvolkes" ("sensus fidelium") sein.

Kardinal Mario Grech
Bild: ©picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Fabio Frustaci (Archivbild)

Kurienkardinal Mario Grech, Generalsekretär der Bischofssynode, betonte die zentrale Bedeutung einer "Kultur des Dialogs" unter den Gläubigen. Ausgangspunkt der "kritischen Funktion der Glaubensreflexion" der Theologie müsse dabei der "Glaubenssinn des Gottesvolkes" ("sensus fidelium") sein.

Auf die Lehre vom "Glaubensinn des Gottesvolkes" bezog sich auch die in Wien lehrende Moraltheologin Sigrid Müller. Bei der seelsorglichen Begleitung von Familien komme es darauf an, nicht auf das "Ideal" zu schauen, sondern auf die gelebte Realität. Es dürfe keine Rolle spielen, ob die Familiensituation den "Kriterien der katholischen Morallehre" genüge. Vielmehr könne sich aus der Begegnung mit Menschen in ihren Lebenssituationen eine "Konversion der Haltung der Kirche" ergeben. "Persönliche Gewissensentscheidungen", so Müller, müssten als "Beitrag zum 'sensus fidelium'" gewürdigt werden.

Der an der Gregoriana lehrende italienische Theologe Giuseppe Bonfrate bezeichnete das Gewissen als "Ort der Offenbarung". Deswegen sei es "heilig". Philippe Bordeyne, der bis 2021 Rektor des Pariser "Institut Catholique" war und seitdem das päpstliche Familieninstitut leitet, beschrieb den Ansatz von "Amoris laetitia" als "pädagogischen Weg". In der Seelsorge dürfe es nicht darum gehen, Menschen zu "dominieren", sondern sie in ihrem "moralischen Wachstum" zu begleiten.

Keine "Liste von Erlaubnissen und Verboten"

Moral sei dabei keine "Liste von Erlaubnissen und Verboten", sondern müsse als "Dynamik und Bewegung" verstanden werden. Auch die gesamte Kirche befinde sich auf einem "Weg der Transformation" und sei aufgerufen, "permanent zu lernen". In diesem Zusammenhang würdigte Bordeyne das postum erschienene Buch des 2020 gestorbenen Freiburger Theologen Eberhard Schockenhoff, "Die Kunst zu lieben. Unterwegs zu einer neuen Sexualethik". Schockenhoffs Ansätze spielen eine wichtige Rolle bei den Debatten des deutschen Reformprozesses Synodaler Weg.

Am Freitag empfing Papst Franziskus die rund 100 Kongressteilnehmer zur Audienz. Wie ein Echo auf die Debatten von vor sechs Jahren erschien die Warnung des Papstes davor, "rückwärts zu gehen". Rückwärtsgewandte Elemente würden in der Kirche derzeit "wie Pilze aus dem Boden schießen", so der Papst. In der Moraltheologie sei dies die "Kasuistik", die für seine Generation das Studium der Moraltheologie geprägt habe.

Unter "Kasuistik" versteht man die Lösung moralischer Einzelfragen durch die Anwendung allgemeiner Grundsätze. Der Papst sagte: "Die Kasuistik, die ich unter sieben Metern begraben glaubte, taucht als Vorschlag – ein wenig verschleiert – wieder auf: 'Bis hierher kannst du, bis hierher kannst du nicht, hier ja, hier nein.'"

Von Benjamin Leven (KNA)