Schutzpatron der Schweiz wurde vor 75 Jahren heiliggesprochen

Nikolaus von der Flüe: Der Wüstenvater in der Bergschlucht

Aktualisiert am 15.05.2022  –  Lesedauer: 

Visionen wiesen ihm seinen Weg – und führten ihn in die Einsamkeit. Nikolaus von der Flüe war Einsiedler, Asket, Mystiker und wird von den Schweizern als Schutzpatron verehrt. Vor 75 Jahren wurde er heiliggesprochen.

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Einsam, zurückgezogen ins Gebet, genährt nur von der Eucharistie: Die Rede ist nicht von einem der frühchristlichen Wüstenväter, die als Asketen in der Levante einsiedelten. Doch Nikolaus von der Flüe – der Bauer, Ehemann, Vater, politisch-geistliche Berater – hätte gut in ihre Welt gepasst. Der Schutzpatron der Schweiz wurde zu einem der letzten großen Mystiker seiner Zeit. Am 15. Mai 1947 wurde "Bruder Klaus" in den Kanon der katholischen Heiligen aufgenommen.

"Wer den Ruhm seiner mannigfachen Tugenden betrachtet und zumal jenen höchsten Gipfel der Askese bedenkt, zu dem ihn in seinen letzten Lebensjahren eine Lebensweise führte, die eher die eines Engels als eines Menschen war, der wird von tiefster Bewunderung für ihn erfüllt werden", erklärte Papst Pius XII. zur Heiligsprechung.

Zunächst andere Wege

Niklaus von der Flüe, 1417 als Kind reicher Bauern geboren, liebte schon früh die Einsamkeit und das stille Gebet. Mit 16 Jahren zeigte ihm eine Vision jene Stelle in der Ranftschlucht, an der er später seine Einsiedelei errichten sollte. Dennoch schlug der Bauernsohn zunächst andere Wege ein. Vier Jahre lang kämpfte er im Krieg gegen Zürich. Dann heiratete er die 14-jährige Dorothea Wyss. Das Paar ließ sich in Flüeli nieder und hatte fünf Söhne und fünf Töchter.

Für seine Gerechtigkeit und Weisheit geschätzt, erwarb sich Nikolaus Vertrauen und Ansehen seiner Mitbürger als Ratsherr und Richter in seinem Heimatkanton Obwalden. Doch der Ruf Gottes und der Wunsch nach Einsamkeit im Gebet ließen ihn nicht los. 1467 schließlich gab Dorothea dem Bitten ihres Mannes nach. Mit ihrem Einverständnis ließ er Hof und Familie zurück, machte sich auf zu einer mystischen Bruderschaft in Basel. Sein Ziel erreichte er nicht. Wieder waren es Visionen, die den Gottessucher umkehren ließen. Im Ranft baute er sich eine einfache Hütte, die Freunde wenig später durch eine Klause mit Kapelle ersetzten.

Bild: ©Fotolia.com/tauav

Der Schweizer Nationalheilige Niklaus von Flüe (1417-1487) und seine Frau Dorothea mit Kind in einer modernern Figurengruppe.

Einen Steinwurf entfernt von den Menschen, von denen er sich losgesagt hatte: Knapp 20 Jahre lebte Bruder Klaus so in seiner Schlucht ein Leben in Gebets, Buße und Askese. Sie haben, scheint es, seinen visionären Blick nur noch geweitet. Visionen begleiteten sein weiteres Leben, jene etwa von der Lilie, die aus seinem Mund wuchs, nur um vom schönsten Pferd unter seinen Augen gefressen zu werden – für den Eremiten ein Warnsignal, bei aller Freude am Irdischen nicht das Göttliche aus den Augen zu verlieren.

Seine radikale Zuwendung zu Gott kommt zum Ausdruck in "Klausens gewonlich bet", jenem mittelalterlichen Gebet, das Bruder Klaus zugeschrieben wird: "Mein Herr und mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir. Mein Herr und mein Gott, gib alles mir, was mich fördert zu dir. Mein Herr und mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu dir."

Gefragter Ratgeber

Obwohl es die Einsamkeit war, um derentwillen er Frau und Kinder verlassen hatte, empfing Bruder Klaus jeden, der ihn um Rat fragte. Die einfache Landbevölkerung schätzte seine Weisheit ebenso wie ausländische Staatsoberhäupter. Beim sogenannten Stanser Verkommnis 1481 – einem Konflikt zwischen Luzern, Zürich und Bern sowie den Kantonen Uri, Schwyz, Unterwalden, Glarus und Zug - brachte er die streitenden Ratsherren schließlich zu einem neuen Bundesschluss. Die Gefahr eines Zerfalls der alten Eidgenossenschaft war abgewendet.

Am 21. März 1487 starb Niklaus mit 70 Jahren in seiner Schlucht. Schnell machte die wachsende Pilgerzahl den Bau einer weiteren Kapelle nötig. Dennoch wurde ihm erst 1669 päpstliche Anerkennung als Seliger zuteil; die Heiligsprechung erfolgte gar erst 1947.

"Nikolaus von der Flüe verkörpert in sich auf wunderbare Weise die Einheit zwischen natürlicher irdischer Freiheit und himmlischer übernatürlicher Freiheit" und könne damit "auch den Menschen unserer Zeit" Vorbild sein, wandte sich Pius XII. damals in einer Audienz an Schweizer Pilger. "Eine Rückkehr zum Mittelalter? Niemand denkt daran. Wohl an eine Rückkehr zu jener Synthese von Religion und Leben, die als unerlässlicher Schlüssel der ganzen Zivilisation" immer aktuell ist.

Von Andrea Krogmann (KNA)