Egal ob Kirche, Strand oder Konzertsaal

Wie Lieblingsplätze unserer Seele Ruhe geben

Aktualisiert am 23.05.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Wo ist dein Lieblingsplatz? Hast du schon einmal darüber nachgedacht? Schwester Gabriela Zinkl erklärt, was einen solchen Ort des Wohlfühlens ausmacht – und wie Erlebnisse in unserer Kindheit den heutigen Lieblingsplatz prägen können.

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Rund zweihundert Jahre vor unserer Zeit gab es einen Maler, der die individuelle Sehnsucht nach einem Lieblingsplatz unheimlich befeuert hat, Caspar David Friedrich (1774-1840). Seine Bilder, die das Zeitalter der Romantik prägen sollten, zeigen oft einen einzelnen Menschen in Rückenansicht, der oder die sehnsüchtig ins Weite schaut: von einem Felsen aus aufs brandende Meer, von einem Felsvorsprung aus in die weite Landschaft, mit Blick in den Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, auf ankommende oder abfahrende Schiffe oder einfach nur genüsslich die Natur wahrnehmend.

Wer heute nach einem persönlichen Lieblingsplatz sucht, wird von Norden bis Süden schnell fündig, gibt es doch eine Menge an Adressen, die sich so nennen, vom Café, übers Restaurant bis zum Hotel. Vielleicht ist da ja für die einen oder den anderen tatsächlich etwas dabei.

Wo ist mein Lieblingsplatz?

Was und wo ist mein Lieblingsplatz – schon mal darüber nachgedacht? Die meisten von uns haben bei dieser Frage wahrscheinlich weniger ein Lokal im Blick, und sei es noch so schön mit Herzchen im Logo dekoriert. Viel eher haben viele einen Lieblingsplatz draußen, im Freien in der Natur, angefangen im eigenen Garten, auf dem Balkon, vor der Haustür, im Schwimmbad oder Park um die Ecke, auf dem nahen Hausberg oder auf einem Feldweg in der Nähe. Und wer etwas auf sich hält, nennt einen Lieblingsplatz in der großen weiten Welt sein eigen, auch davon gibt es ja genug, vom Strand auf den Seychellen, bis zur blauen Grotte in Capri, dem Strandkorb an der Nordsee, der Ferienhaus-Terrasse oder dem Abenteuerspielplatz auf einer fernen Insel.

Was macht einen Platz zum Lieblingsplatz? Darüber gibt es viele Theorien, fangen wir am besten bei dem an, womit wir diesen Lieblingsplatz wahrnehmen, mit unseren fünf Sinnen. Die lassen sich zwar manchmal künstlich manipulieren, sind letzten Endes aber doch untrüglich, denn der erste Eindruck ist meistens entscheidend und unbestechlich.

Der Lieblingsplatz ist also normalerweise ein Ort, an dem alles passt. Es klingt, riecht, schmeckt gut, sieht gut aus und fühlt sich auch gut an. "Feel good", Wohlfühlatmosphäre für all unsere Sinne, nicht zuletzt steckt im Wort "Wohlfühlen" das Wort "Gefühl", das entscheidend bestimmt wird durch das Zusammenspiel unserer Sinne. Wenn sie in Harmonie sind, dann passt der Ort und die Situation, wo wir uns gerade befinden.

Bild: ©KNA/Julia Steinbrecht

Weiße Strandkörbe am Strand in Trassenheide (Usedom) am 5. Juni 2019.

Der perfekte Lieblingsplatz macht alle fünf Sinne glücklich, probieren wir es einmal aus: Die meisten Informationen, die wir von unserer Umgebung wahrnehmen, sind optischer Art. Wir können mit unseren Augen Farben, Formen, Dimensionen und Licht sehen und unterscheiden. Während für die einen zum Beispiel Geradlinigkeit oder perfekte Farbabstimmung eine wichtige Rolle spielt, lieben andere Augen lieber das Chaos und absolut Ungekünstelte, etwa in der Natur. Viele unserer Vorlieben, hängen von unserer Prägung ab, das beginnt schon in der Zeit, wenn wir noch kleine Babys sind.

So entscheidet schon allein der Brei, den wir als Baby zu essen bekommen haben, stark über unsere zukünftigen geschmacklichen Vorlieben, ob eher süß oder salzig, cremig oder knusprig, vieles von den Geschmackseindrücken wird von klein auf in unserem Gehirn eingeprägt und für später gespeichert.
Ganz ähnlich ist es mit dem Geruch. Nicht zufällig speichern wir Räume bewusst oder unbewusst mit Gerüchen ab: das Klassenzimmer in der Schule, das Zimmer von Oma, der Lebensmittelladen, der Weihrauch- und Kerzenduft in der Kirche, die Blumenhändlerin. Ein stinkender Geruch passt für die meisten von uns nicht zu einem Lieblingsplatz, schon eher die appetitlichen Rauchschwaden vom Barbecue in der Nachbarschaft.

Am Lieblingsplatz findet unsere Seele Ruhe.

Für viele sind Orte der Ruhe ihre Lieblingsplätze, dort, wo man abschalten kann vom Alltagslärm, wo man Vögel hört, Musik im Konzertsaal oder im Club, das Rauschen des Baches oder der Wellen. Wieder anderen ist das viel zu langweilig und sie sind begeistert von Fangesängen im Fußballstadium des Heimatclubs. Wenn man die Menschen in diesen Situationen genau beobachtet, kann man oft sehen, dass sie die Augen zusammenkneifen oder sogar schließen – und den Augenblick rundum genießen.

Ein Lieblingsplatz fühlt sich immer gut an. Die Umgebung passt. Wir sitzen oder stehen dort gerne, nichts drückt oder piekt, unser Körper fühlt sich nicht eingeengt. Nicht von ungefähr ziehen an so einem Ort viele ihre Schuhe aus und drehen sich ein paar Mal im Kreis vor Freude und Genuss. Das ist der Ort, an dem einfach alles passt.

Es ist wichtig und gut, einen oder sogar mehrere Lieblingsplätze zu haben, an die man sich flüchten kann, wenn alles über einem zusammenzubrechen scheint und von denen man träumen kann, zwischendrin.
Was ist mein Lieblingsplatz? Das Karussell auf dem Rummelplatz, die Hängematte auf dem Balkon, das Grab meines Opas, die Bank am Waldrand, der Gipfel in den Alpen, der Grünstreifen am Seeufer, die Aussichtsterrasse des Fernsehturms?

Lieblingsplätze mache unsere Erde zu einer besseren Welt. Deshalb sollten wir sie uns bewahren und es sollte jede Menge von Lieblingsplätzen geben. Wer weiß, was meine Nachbarin und mein Nachbar für einen Lieblingsplatz haben? Vielleicht sollte ich sie einfach mal danach fragen …

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.