Eine Entscheidung gegen eine Familie und Nachkommen

Der Berufswunsch Priester stößt in Benin auf wenig Verständnis

Aktualisiert am 21.05.2022  –  Lesedauer: 

Ouidah ‐ In afrikanischen Ländern boomt die Priesterausbildung, so wirkt es mitunter aus europäischer Sicht. Doch es gibt viele Vorbehalte, wozu der Pflichtzölibat und die Abhängigkeit von Spenden gehören. Auf neue Priester warten Probleme.

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Romaric Amiton hat in seinem Heimatland Benin verschiedene Fächer studiert. Eins hat ihn besonders interessiert: Organisationspsychologie. Psychologen sind bis heute in vielen Ländern des Kontinents rar. Besondere Spezialisierungen sind noch seltener. "Eine Arbeit zu finden, das war nicht schwer", sagt der 40-Jährige, der aus der Hauptstadt Porto Novo stammt. "Ich konnte mir sogar eine Stelle aussuchen und ein gutes Leben leben."

Wäre da nicht seine Berufung gewesen, die er bereits in der Schule spürte. Er wollte Priester werden, eine Wahl, die vor allem seine Mutter "kategorisch ablehnte". Amiton stellte seinen Wunsch zurück, war in seiner Kirchengemeinde Lektor, später Katechist und in der Jugendarbeit aktiv. Immer, wenn er einen Priester sah, wusste er: Das war eigentlich sein Platz – bis er sich heimlich für die Aufnahmeprüfung einschrieb und sie bestand. Nach dem Tod seines älteren Bruders und vielen Gesprächen konnte er seine Entscheidung gegenüber der Familie vertreten. Heute ist er im zweiten Jahr des Hauptseminars St. Gall in Ouidah im Süden Benins, das 108 Seminaristen besuchen.

Noch gehen den Priesterseminaren in Westafrika die Anwärter nicht aus. Acht Seminare gibt es in Benin. Diözesen würden sogar den Bau weiterer planen, sagt Rektor Raymond Sobakin. Es habe allerdings Zeiten gegeben, in denen die Zahlen noch höher gewesen seien. Tatsächlich sind es häufig die Familien, die dagegen sind. Von Freude über die Entscheidung ist nicht immer etwas zu spüren. Sobakin hat das selbst erlebt. Schon als 13-Jähriger entschied er sich gegen den Willen der Mutter für das Priesteramt. "Als ich Abitur machte, hat sie schließlich kapituliert. Am Tag meiner Ordination hat sie dann aber von allen Frauen im Dorf am meisten getanzt."

Eltern erwarten Enkelkinder

Abgelehnt wird der Berufswunsch oft, weil Eltern Enkelkinder erwarten. "In unserer Kultur gibt es wenig Verständnis dafür, wenn sich ein Mann für Kinderlosigkeit entscheidet. Es heißt: Du willst dich nicht für den Fortbestand der Familie einsetzen. Das wirkt so, als ob jemand der Familie Steine in den Weg legt." In Benin wächst die Bevölkerung verschiedenen Schätzungen zufolge jährlich um rund drei Prozent, was eine der höchsten Wachstumsraten weltweit ist. Aus Sicht von Romaric Amiton ist es trotzdem wichtig, am Zölibat festzuhalten. "Hätte ein Priester Familie, könnte er sich nicht auf seine Arbeit konzentrieren."

Bild: ©KNA/Katrin Gänsler

Romaric Amiton hat sich am Ende doch für den Eintritt ins Priesterseminar entschieden.

Was den künftigen Priestern auch bevorsteht, sind soziale Unsicherheit, kein Rentenbezug sowie das ständige Einwerben von finanzieller Unterstützung. Während in Deutschland das Durchschnittsgehalt monatlich bei knapp 3.700 Euro liegt, sind Priester in Benin wie auch in anderen Ländern der Region auf Spenden angewiesen. Liegt ihre Gemeinde in einer Stadt wie Cotonou mit einer großen Zahl an Kirchgängern, ist das weniger ein Problem.

Schwieriger wird es im Norden, wo sich die Mehrzahl der Bevölkerung zum Islam bekennt und Kirchengemeinden klein sind. "Wer meint, mit dieser Wahl Geld zu verdienen, hat sich vertan", sagt Raymond Sobakin. Im Gegenteil: Auch die Priesterseminare seien weiterhin abhängig von finanzieller Hilfe aus dem Ausland, die allerdings immer stärker zurückgeht.

Auf Spenden angewiesen

Davon hat sich letztlich auch Alexandre Fredy Hountangni nicht abschrecken lassen, obwohl er vor der Aufnahmeprüfung für das Priesterseminar Wirtschaftswissenschaften studierte. Gemeinsam mit Kommilitonen plante der 31-Jährige verschiedene Projekte, etwa die lokale Herstellung von Baumaterialien wie Farbe. Bis heute wird vieles zu hohen Preisen eingeführt. Die Umsetzung einer solchen Idee hätte möglicherweise zur Gründung eines Start-Ups und in eine lukrative Selbstständigkeit geführt.

"An dem Tag, an dem ich die Zulassung für das Seminar erhielt, spürte ich dieses Dilemma. Kann ich unsere Gruppe alleine lassen?", sagt Hountangni. Schließlich gab sein Bruder den Anstoß und riet ihm, das Theologiestudium aufzunehmen. Mittlerweile ist er im dritten Jahr und hat die Entscheidung nicht bereut, hatte er doch als Kind drei Berufswünsche: Gendarm, Arzt oder Priester. Ausprobiert hat er alle drei. "Es sollte wohl Priester sein."

Von Katrin Gänsler (KNA)