Die Frage nach der Tradition
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Bischof Friedhelm Hofmann über die "Liturgie der Zukunft"

Die Frage nach der Tradition

Liturgie - Schon in wenigen Tagen wird es wieder voller: Zu Weihnachten kommen traditionell mehr Menschen in die Kirche als an anderen Tagen. Katholisch.de hat darüber mit Bischof Friedhelm Hofmann gesprochen. Im Interview erklärt der Vorsitzende der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz , welche Chance die Kirche in diesem Punkt hat, in welchem Spannungsfeld Liturgie heute steht und wie ihre Zukunft aussehen kann.

Bonn - 16.12.2014

Frage: Herr Bischof Hofmann, Sie sind nicht nur Bischof, sondern auch Vorsitzender der Liturgiekommission. Was empfinden Sie, wenn Sie einen Gottesdienst vor halbleeren Kirchenbänken feiern müssen?

Bischof Hofmann: Das ist sehr unterschiedlich und muss differenziert betrachtet werden. Es kommt tatsächlich vor, dass auch ein Bischof nur mit einer zur Hälfte gefüllten Kirche Gottesdienste feiert. Wenn wir zum Beispiel in der diözesanen Wallfahrtswoche unsere Missionare einladen, dann ist das mittlerweile ein überschaubarer Kreis geworden. Und dennoch lässt sich mit dieser Gemeinschaft so dicht und intensiv Gottesdienst feiern, als wäre der ganze Dom voll. Manchmal werde ich vor dem Gottesdienstbeginn nachdenklich, wenn ich nur eine schwach gefüllte Kirche sehe. Sobald die Feier begonnen hat, ist die Lebendigkeit und Dichte der Liturgie aber stärker als die Beeinflussung durch die Anzahl der Mitfeiernden. Dies ist mir ein wichtiges Zeichen, denn nur so kann unser Gottesdienst missionarisch sein und wird auch für diejenigen wieder anziehend, die nicht mehr oder noch nicht kommen.

Frage: Sie haben vor kurzem an einer Podiumsdiskussion mit dem Titel "Liturgie der Zukunft – im Spannungsfeld von heiligem Rest und Vorhof der Völker" teilgenommen. Was ist das für ein Spannungsverhältnis?

Hofmann: Eigentlich ist es kein Spannungsverhältnis. Es gibt den heiligen Rest nicht, weil es (noch) kein Rest ist, und die vielen und zahlreichen Engagierten haben schon längst den Blick für die Suchenden und weniger kirchlich geprägten Menschen geschärft. Und auch die liturgischen Formen und Angebote für "Fernstehende" sind gleichermaßen gerne gefeierte und erlebte Formen für unsere Engagierten. Die lebendigen Gemeinden und die Suchenden sind kein Gegensatz, sondern aufeinander bezogen. In der Feier der Liturgie und der unterschiedlichen liturgischen Formen wachsen sie zusammen.

aufgeschlagene Doppelseite eines Buches, dicht gefüllt mit Text in lateinischer Sprache

Das Messbuch in lateinischer Sprache.

Frage: Der "heilige Rest" will vor allem die liturgischen Traditionen bewahren. Was sagen Sie diesen Menschen?

Hofmann: Ich glaube wie gesagt, dass es diese Gruppe so nicht gibt. Es gibt Gläubige mit unterschiedlichen Wünschen und Motivationen. Von den einen wird als liturgische Tradition bezeichnet, was vor dem Konzil gefeiert wurde, für andere sind die nachkonziliaren Formen Tradition und für wieder andere die jeweilige liturgische Praxis der vergangenen Jahre vor Ort. Das Festhalten an diesen Traditionen hat ganz unterschiedliche Gründe und muss nicht nur negativ sein. Deshalb wünsche ich mir generell eine liturgische Vielfalt, die Traditionen gerecht werden kann und gleichzeitig dem Neuen Raum gibt.

Frage: Sie haben bei der Diskussion in Würzburg gesagt, dass Liturgie oft als unverständlich angesehen wird. Wie kann man dieses Problem angehen?

Hofmann: Zum einen ist es ganz wichtig, die Liturgie sorgfältig vorzubereiten und sie ebenso sorgfältig zu feiern. Der bewusste Umgang mit Zeichen, die sinnvolle Einbeziehung von Raum und Musik, die sorgfältige Auswahl der Texte und die Qualität der Verkündigung machen da sehr viel aus. Zum anderen dürfen wir nicht müde werden, Menschen an die Liturgie heranzuführen und diese auch zu erklären. Dies geschieht meines Erachtens immer noch viel zu wenig.

Frage: Verliert das Geheimnis der Liturgie nicht an Bedeutung, wenn man alles "verständlich" machen will?

Hofmann: Verständlichkeit wird in Bezug auf Liturgie ebenso häufig missverstanden wie Geheimnis. Das Geheimnis der Liturgie ist der Glaube an Tod und Auferstehung Jesu und seine Gegenwart im Gottesdienst. Es geht dabei um ein Geheimnis des Glaubens und nicht der Riten! Verständlichkeit ist notwendig in der Verkündigung. Im Gebet und in der Meditation. In der Vieldeutigkeit der Zeichen kann und braucht nicht alles vordergründig verständlich sein, sondern darf sich erst nach und nach erschließen.

In der Vieldeutigkeit der Zeichen kann und braucht nicht alles vordergründig verständlich sein, sondern darf sich erst nach und nach erschließen.

Zitat: Bischof Friedhelm Hofmann

Frage: Inwieweit brauchen Gottesdienste heute einen Eventcharakter?

Hofmann: Auch hier scheint mir Beides notwendig. Für meinen Glaubensalltag benötige ich den unaufgeregten regelmäßigen Gottesdienst, der mich trägt, hält und wandelt. Darüber hinaus sind besondere Gottesdienstformen mit "Eventcharakter" durchaus hilfreich und geben noch einmal einen besonderen Ansporn. Manche Menschen finden über die Eventgottesdienste erst den Zugang zu den alltäglichen Gottesdienstformen und manchen genügt auch nur der Event. Um die Menschen in ihrer Suche nach Gott erreichen zu können, brauchen wir sicher Beides und sie müssen auch in Beziehung zueinander stehen.

Frage: Sie selbst haben die "Nacht der offenen Kirchen" oder diözesane Wallfahrten als niederschwellige und gut besuchte Angebote hervorgehoben. Wie erklären Sie sich das?

Hofmann: Dies sind besondere Formen, die nicht nur über den Gottesdienstalltag sondern über den Alltag an sich hinausführen und sie eröffnen noch einmal das Erlebnis einer größeren Gemeinschaft. Bei der Nacht der offenen Kirchen sind sicher auch die unterschiedlichen Formen interessant, was in der Wallfahrtswoche mit der Messe als zentrale Form weniger der Fall ist. Dennoch ist der Zuspruch ungebrochen groß.

Frage: Entsteht so nicht eine liturgische Zwei-Klassen-Gesellschaft zwischen Eucharistiefeier und niederschwelligen Angeboten?

Hofmann: Diese Gefahr sehe ich nicht. Die niederschwelligen Angebote werden von den gleichen Leuten mitgefeiert, die auch in der Messe sind. Und durch sie werden auch die anderen neugierig, über die niederschwelligen Angebote hinaus auch einmal die Liturgie der Kirche in den zentralen Formen zu erleben.

Frage: An Heiligabend sind die Kirchen noch immer gut besucht. Wie kommt das?

Hofmann: Der Heiligabend ist gesellschaftlich viel mehr als die Feier der Geburt Christi. Darüber können wir traurig sein, weil unser Ursprung des Festes nicht mehr die flächendeckende Bedeutung hat. Wir können es aber auch als Chance erkennen, dass zu diesem Fest die Menschen immer noch eine ganz große Sensibilität nach Familie, Wärme und Geborgenheit entwickeln und diese auch noch in unseren Gottesdiensten suchen und hoffentlich auch erleben.

Frage: Sind Weihnachten und Ostern Anknüpfpunkte, Menschen wieder für die Kirche zu gewinnen?

Hofmann: Der Kirche und damit auch dem Gottesdienst kann es nicht um Rekrutierung gehen. Kirche ist für die Menschen da um der Menschen willen - weil Gott für die Menschen da ist. Nur so können wir und kann unser Gottesdienst missionarisch sein.

Frage: Wie muss für Sie die Liturgie der Zukunft konkret aussehen?

Hofmann: Sie muss qualitätsvoll, traditionell und vielfältig neu zugleich sein. Es braucht die unterschiedlichsten Formen und die vielfältigsten Orte für Liturgie. Wir brauchen weiter unsere Kirche als Orte der Identität und des Glaubens. Wir benötigen aber auch die Liturgien im Alltag und an den Orten des Lebens. Das neue Gotteslob hat deshalb bewusst auch liturgische Feiern im Kontext des Lebens und der Familie, die auch von den Gläubigen gefeiert und gestaltet werden können, aufgenommen.

Das Interview führte Björn Odendahl

Zur Person

Bischof Friedhelm Hofmann ist Bischof der Diözese Würzburg und Vorsitzender der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz.