Szene aus dem Film ‚Rico, Oskar und die Tieferschatten‘
Der Film 'Rico, Oskar und die Tieferschatten' kommt in die Kinos

Tiefbegabter und Hochbegabter

Kino - Wenn es hochbegabte Menschen gibt, dann muss es auch das Gegenteil davon geben: "tiefbegabte" Menschen. So jedenfalls lautet die Logik des etwa zehnjährigen Rico, der sich gerne als "tiefbegabtes Kind" vorstellt und offen dazu steht, dass ihm manchmal die Gedanken wie Bingo-Kugeln aus dem Kopf fallen.

Bonn - 09.07.2014

Rechts und links unterscheiden, sich den Weg zum Supermarkt um die Ecke des heimischen Mietshauses in der Dieffenbachstraße 93 in Berlin-Kreuzberg merken, verstehen, wie eine gekochte Nudel auf den Bürgersteig geraten ist – das sind typische Herausforderungen, vor denen Rico Tag für Tag steht. Nachbar Fitzke nennt ihn deshalb einen Schwachkopf, und auch die dreisten Zwillinge aus dem Dachgeschoss hacken mit Vorliebe auf Rico herum.

Rico ist nicht doof

Dass Rico langsamer als andere denkt, macht ihn freilich nicht zum einfach gestrickten Antihelden, den man besonders wegen seiner Schwächen ins Herz schließt – das wäre für eine Romanfigur des Kinder- und Jugendbuchautors Andreas Steinhöfel einfach zu kurz gegriffen. Wie sein literarisches Vorbild in Steinhöfels gleichnamigem Roman (2008) ist Rico alles andere als "doof", vielmehr ein komplexer Typ, den die selbstbewusste Annahme seiner Defizite stark macht.

Der Vielschichtigkeit des literarischen Plots sowie der pointierten Charakter- und Milieustudie auch im Medium Film gerecht zu werden, ohne Steinhöfels originellen Sprachstil außer Acht zu lassen, war keine leichte Aufgabe. Vereinfachungen bis zur Verflachung sind schließlich gängige Fallen, wenn erfolgreiche Kinderbücher zu leicht konsumierbaren Unterhaltungsfilmen für "die ganze Familie" umgeformt werden; innovative Stoffe und Inszenierungen bleiben dabei häufig auf der Strecke. Nicht aber in diesem Fall: Neele Leana Vollmar ist eine rundum gelungene Mischung aus publikumswirksamer Kriminalkomödie, intelligentem Humor und Gesellschaftskritik jenseits von platten Klischees geglückt.

Spannungskurve schnellt in die Höhe

Der Film lässt sich ungewöhnlich viel Zeit, um von Ricos Welt und seiner langsam aufblühenden Freundschaft zum gleichaltrigen, körperlich weit zierlicheren, dafür aber hochbegabten Oskar zu erzählen. Erst danach schnellt die Spannungskurve in die Höhe, wenn der Kindesentführer "Mister 2000", der ganz Berlin in helle Aufregung versetzt, erneut zuschlägt.

Rico beginnt zu ermitteln und gerät darüber ins Zentrum immer turbulenterer und spannender Ereignisse. Konflikte, die um Familie, Freundschaft und den Umgang mit dem Anderssein kreisen, bekommen dennoch den notwendigen Raum, weshalb die beiden Jungs zu glaubwürdigen Figuren heranreifen.

Rico, Oskar und die Tieferschatten

Mit kleinen Animationen von Peter Schössow, der bereits die "Rico"-Bücher kongenial illustrierte, prägnanten Regieeinfällen, viel Sprachwitz dicht an der Buchvorlage und nicht zuletzt mit einem brillanten Cast zeichnet der Film unaufgeregt einen schillernden Mikrokosmos, der das Berlin der kleinen Leute ebenso aufs Korn nimmt wie ihm die Liebe erklärt.

Windschnittiger Yuppie und verwahrloster Fiesling

Axel Prahl als laut dröhnender Hausverwalter, Milan Peschel als verwahrloster Fiesling Fitzke, David Kross als windschnittiger Yuppie, Ursela Monn als herzliche Lockenwickler-Omi und Ronald Zehrfeld als potenzieller Vaterkandidat stehen stellvertretend für Gesichter der Großstadt, aber auch für die unterschiedlichen Reaktionsweisen von Erwachsenen auf Kinder.

Entgegen der Karikierung der Nebenfiguren werden im Gegenzug Stereotypen durch die Protagonisten unterlaufen. Etwa durch Ricos alleinerziehende Mutter (Karoline Herfurth mit herrlich warmer Berliner Schnauze), die sich nachts als Bardame verdingt, ihren Sohn oft allein lässt und ihm gegenüber dennoch liebevoll und aufmerksam ist. Vernachlässigung von Kindern lässt sich eben nicht auf eine soziale Schicht reduzieren. Zudem laufen Rico und Oskar – mehr als überzeugend gespielt von Anton Petzold und Juri Winkler – als sich perfekt ergänzendes komisches Duo allen Pauschalisierungen zuwider. Mal ist die Stärke des einen die Schwäche des anderen, mal ist es umgekehrt.

Der Film funktioniert wie ein Kind

Die Dialoge spielen dabei eine tragende Rolle: Sich ausdrücken und argumentieren lernen, ist keine Frage des IQ, sondern selbstverständlicher Bestandteil von kindlicher Neugier, Entwicklungsdrang und Wehrbarmachung. Überhaupt funktioniert der ganze Film wie ein Kind: Spaß und Fantasie werden großgeschrieben, wobei sich Plot und Inszenierung laufend als klüger und tiefsinniger herausstellen, als man zu denken glaubt. Wie schön, dass der zweite Teil der Trilogie um Rico und Oskar bereits in der Mache ist!

Von Marguerite Seidel

Filmdienst

Der Filmtipp wurde katholisch.de vom Magazin "Filmdienst" zur Verfügung gestellt. Seit 1947 begleitet der Filmdienst wie kein anderes Magazin kritisch das Kinofilmgeschehen. Herausragende Porträts von Filmschaffenden stehen neben umfassenden Filmkritiken zu jeder Kinopremiere in Deutschland, spannende Debatten neben aufschlussreichen Interviews, Hintergrundberichte neben Neuigkeiten aus der Filmwelt. Die Beilage "Film im Fernsehen" informiert über sehenswerte Filme im Fernsehen. Die Datenbank CinOmat ist ein beispielloses Nachschlagewerk, das mehr als 250.000 Filmschaffende mit fast 75.000 Filmen verknüpft. Der Filmdienst ist darüber hinaus Herausgeber des "Lexikons des Film", zeichnet neue DVD/Blu-ray-Veröffentlichungen mit dem "Silberling" aus und verleiht gemeinsam mit dem Bundesverband Kommunale Filmarbeit jährlich den "Caligari-Filmpreis".

Bewertung der katholischen Filmkomission

Ein etwa zehnjähriger, langsamer als andere Kinder denkender Junge, der mit seiner Mutter in einem Mietshaus in Berlin-Kreuzberg lebt, weiß mit seiner Benachteiligung umzugehen und entwickelt kreative Lösungen, um sich im Alltag zurechtzufinden. In einem hochintelligenten Gleichaltrigen findet er den langersehnten Freund. Doch als ein Kindesentführer zuschlägt, muss er über sich hinauswachsen. Fulminante Mischung aus Kriminalkomödie, intelligentem Humor, Milieuschilderung und Gesellschaftskritik, die den Sprachwitz und entlarvenden Humor der Buchvorlage kongenial in intelligentes Unterhaltungskino umwandelt. - Sehenswert ab 8.