Franziskanerbruder Wolfgang und seine Liebe zu Marionetten

"Strippenzieher" im Kloster

Aktualisiert am 04.10.2014  –  Lesedauer: 
Bild: © KNA
Orden

Vossenack ‐ Als Bruder Wolfgang sich den heiligen Franz von Assisi auf den Schoß setzt, sieht es aus, als sei er mit der Marionette in ein enges Gespräch vertieft. Über zehn Jahre hat er intensiv an der Figur und der Geschichte gearbeitet, bis der Franziskaner schließlich 2013 das Stück "Nudo - Franz von Assisi" mit seinem Ensemble "De Strippkes Trekker" aufgeführt hat. Der heilige Franziskus ist nur eine von vielen Figuren, die der Ordensmann aus Vossenack in der Eifel geschaffen hat.

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Bruder Wolfgang ist seit Jahrzehnten ein Marionettenfan, und sein Orden trägt die Leidenschaft des 57-Jährigen mit. "Mach was draus", hatte ihm der Ordensobere gesagt, als er vor über 30 Jahren von dessen Begeisterung am Puppenspiel erfahren hatte. "Das war gefährlich", schmunzelt Bruder Wolfgang heute. Denn das ließ sich der passionierte Puppenspieler nicht zwei Mal sagen.

"Schon als kleiner Junge mit vier, fünf Jahren habe ich mich fürs Kasperltheater begeistert", erzählt der Ordensmann. Als sein Vater ihm Anfang der 1960er Jahre dann eine selbst gemachte Handpuppe schenkte, war es um ihn geschehen. Die Leidenschaft fürs Puppentheater habe ihn seither "nie losgelassen". Bevor er 1979 in den Franziskanerorden eintrat, war er Musterzeichner in einer Krawattenfabrik. Im Orden habe er wieder Zeit gefunden, sich den Puppen zu widmen.

Wolfgang Mauritz lebt seit 34 Jahren in Vossenack. Die Utensilien seiner Leidenschaft - Handpuppen, Marionetten, selbst gefertigte Skizzen, Plakate, historische Fotos, Fachbücher, eine 30.000 Bilder umfassende Dia-Sammlung - könnten inzwischen locker ein mittelgroßes Museum füllen. "Ich kann einfach nichts wegwerfen", sagt der Ordensmann ein wenig zerknirscht.

Kreativität im Kloster

Das Kloster mit angeschlossenem Gymnasium und Internat ist für ihn ein Ort geworden, wo er seine Kreativität und sein pädagogisches Geschick ausleben kann. Als Kunstlehrer und Erzieher im Gymnasium mit angrenzendem Internat konnte er schon viel Nachwuchs mit seiner Begeisterung anstecken. Fast alle der "Strippies", wie Bruder Wolfgang sein 1980 gegründetes Ensemble liebevoll nennt, sind Schüler und Ehemalige.

Bild: ©KNA

Marionettenspieler des "De Strippkes Trekker" im Franziskusinternat Hürtgenwald-Vossenack führen eine Szene aus der Weihnachtsgeschichte auf: Maria und Josef betrachten das Jesuskind in der Krippe.

Inzwischen hat er für die Gruppe in seiner Werkstatt über 40 Marionetten gebaut. In jeder von ihnen stecken rund hundert Stunden Arbeit, "ohne Kleidung und Aufschnüren", wie er betont. Damit alle Puppen "aus einem Guss" sind, kümmert sich Bruder Wolfgang meist höchstpersönlich um das Modellieren der Köpfe. "Sobald man die Augen gemacht hat, ist Leben in der Figur", sagt der Ordensmann. Und über die Fäden mit der Verbindung zum Spielkreuz werden sie endgültig zum Leben erweckt. Mitunter erlebt er nach dem Anbringen der Fäden aber auch Überraschungen: "Es gibt Marionetten, die wollen sich nicht so bewegen, wie der Puppenspieler will."

Warum er sein Herz nicht nur an Gott, sondern auch an Marionetten verloren hat? Es ist "das Fragile", das der Franziskaner an ihnen so liebt. Anders als eine Handpuppe besitze eine Marionette einen ganzen Körper. "Wenn eine Puppe gut gebaut ist, kann sie wahnsinnig viel transportieren", beschreibt Bruder Wolfgang seine Faszination für die Figuren am Faden. Deshalb verbringt er viele Stunden in seiner Werkstatt, damit später jedes Detail stimmt. Denn mit den Puppen könne er auch Erwachsenen "Botschaften vermitteln, die ich so als Wolfgang Mauritz nicht vermitteln könnte", und Menschen zum "Weinen, Lachen und Nachdenken bekommen" - etwa mit Stücken wie "Der kleine Prinz" oder "Nudo".

Puppenspiel ist für den Franziskaner deshalb weit "mehr als Tri-tra-trullala" - eine "ganz eigene Kunst- und Theaterrichtung", wie er voller Überzeugung sagt. Da verwundert es nicht, dass der Ordensmann zugleich Vorsitzender der nordrhein-westfälischen Landesarbeitsgemeinschaft Figurentheater ist und sein Ensemble Mitglied im internationalen Marionettentheaterverband UNIMA. Bruder Wolfgang ist in Puppenspielerkreisen bekannt wie ein bunter Hund und befreundet mit Puppenspielern in aller Welt.

Fachsimpeln zu später Stunde

Gerne stellt er anderen Gruppen den kleinen, zum "Palazzo Puppazzi" umgebauten, 56 Sitzplätze umfassenden Kellerraum auf dem Klostergelände für Proben und Vorpremieren zur Verfügung. Eine nicht ganz uneigennützige Geste, wie der Franziskaner ein wenig selbstkritisch und schmunzelnd bemerkt. Denn so hat Bruder Wolfgang die Gelegenheit, "nächtelang tolle Gespräche mit Musikern und Puppenspielern" zu führen und in der urgemütlichen "Künstlerklause" unter dem Dach des Internats zu fachsimpeln. Auch ein eigenes Figurentheaterfestival wurde in Vossenack ins Leben gerufen.

So viel Begeisterung steckt an. Jeder seiner Schüler baut bei Bruder Wolfgang eine "Marotte", eine auf einem Stab angebrachte Puppe. Ein "Muss", wie der Kunstlehrer betont. "Wenn ich das mal nicht anbiete, werden die Eltern rebellisch", schmunzelt der Ordensmann. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt; derzeit sind bei den Schülern Monsterfratzen voll im Trend.

Auch Katharina Döpp hat in ihrer Schulzeit eine Marotte bei Bruder Wolfgang gebaut und viel bei ihm gelernt. Die 18-Jährige ist quasi von Geburt an Teil der "Strippkes Trekker" und ein echtes Puppenspielerkind. Denn ihre Eltern gehören dem Ensemble an und haben sogar über das Puppentheater zueinandergefunden: "Ich lag schon als Baby hinter der Bühne", erzählt die junge Frau. Das Puppenspielvirus hat sie voll erwischt. Marionettentheater sei alles andere als langweilig und uncool, erklärt die blonde Frau: "Das ist ein spektakuläres Hobby, das viel mit Kreativität zu tun hat". Es sei schon ein besonderes Gefühl, "wenn man die Fäden in der Hand hat".

Reise nach Assisi

Auch das Miteinander von Jung und Alt in der Gruppe und die Möglichkeit, seine Ideen einzubringen, genießt die junge Puppenspielerin. Sie war dabei, als Bruder Wolfgang zur Einstimmung auf "Nudo" mit dem Ensemble nach Assisi reiste, um die besondere Atmosphäre der Wirkungsstätte des heiligen Franziskus und dessen Ideen aufzunehmen. Der Heilige "hat mir viel auf meinen Weg mitgegeben", blickt Katharina Döpp auf die Reise und die "Nudo"-Aufführung zurück.

Bruder Wolfgang wird das freuen. Denn schließlich geht es ihm nicht darum, nur seinem Hobby zu frönen. Beim Marionettentheater werde vielmehr etwas gemeinsam geschaffen, "das Spuren hinterlässt - auch im eigenen Leben".

Von Angelika Prauß (KNA)