Brücke zur Vergangenheit
Museum der Geschichte polnischer Juden

Brücke zur Vergangenheit

Judentum - Barbara Kirshenblatt-Gimblett weiß nicht, wie oft sie diesen Satz vor wechselnden Besuchergruppen wiederholt hat: "Dieses Museum zeigt das Leben. Der Holocaust war nicht der Anfang und nicht das Ende jüdischen Lebens in Polen."

Warschau - 28.10.2014

Der kulturelle Reichtum, die religiös-spirituelle Vielfalt, die politische und wirtschaftliche Rolle, die die größte jüdische Gemeinschaft der Welt tausend Jahre lang in Polen spielte, wird von heute an in Warschau auf 4.000 Quadratmetern Fläche in der Hauptausstellung des Museums der Geschichte der polnischen Juden gezeigt.

Für Kirshenblatt-Gimblett, die in Kanada als Tochter polnischer Juden geboren wurde, war die Arbeit an der Ausstellung auch eine Rückkehr zu den Wurzeln. Längst fliegt sie nicht mehr aus Übersee ein, sondern hat ihren Wohnsitz in Warschau - und mittlerweile auch einen polnischen Pass. Sie hofft, dass das Museum "eine Brücke zwischen Zeiten und Menschen" bildet.

Ein reiches Erbe

Marian Turski, einer der Initiatoren des Museumsprojekts, musste mehr als 20 Jahre auf diesen Moment warten. "Ich hoffe, dass die nichtjüdischen Besucher die Leere begreifen, die die Deutschen mit dem Holocaust hinterlassen haben, und dass sie Empathie für die lernen die anders sind", sagt der 88-jährige Auschwitz-Überlebende. "Und ich hoffe, dass die jungen Juden (aus Israel und anderen Staaten) begreifen, dass sie nicht in ein Land voller Friedhöfe reisen, dass es ihre Vorfahren waren, die hier ein reiches Erbe hinterlassen haben."

Der Ort des Museums steht für beides: Der Stadtteil Muranow war einst das Herz des jüdischen Warschaus. Vor dem Zweiten Weltkrieg war Warschau mit mehr als 300.000 die größte jüdische Stadt Europas. Während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg war hier das Zentrum des Warschauer Ghettos. Vom Haupteingang des Museums blicken die Besucher auf das gegenüber liegende Denkmal der Ghetto-Kämpfer.

In Polen gilt die Eröffnung der Hauptausstellung mit den Präsidenten Polen und Israels als das Kulturereignis des Jahres. Drei Tage lang wird mit Konzerten, Filmvorführungen und nächtlichen Museumsführungen gefeiert.

Die Nozyk-Synagoge, erbaut 1902, ist die einzige noch heute aktive Vorkriegs-Synagoge in Warschau, die den zweiten Weltkrieg überlebt hat.

Das Museum selbst öffnete im März vergangenen Jahres am 70. Jahrestag des Ghetto-Aufstands. Museumsdirektor Dariusz Stola geht davon aus, dass die Hauptausstellung mit ihren acht Themengalerien jährlich eine halbe Million Besucher haben wird.

Die Zerstörung im Zweiten Weltkrieg stellte ein Dilemma für die Museumsmacher dar: Es gibt kaum Originalexponate. Stattdessen setzt Kirshenblatt-Gimblett auf Multimedia - und das Erzählen von Geschichten und Lebensläufen, die für die Erfahrungen der polnischen Juden in den vergangenen tausend Jahren stehen.

Es beginnt mit der Legende, die auch dem Museum seinen Namen gab: Polin. Das ist das jiddische Wort für Polen, bedeutet auf Hebräisch aber auch Ruheplatz oder "hier kannst du ruhen". Einer alten Legende zufolge hörten Juden, die der Verfolgung in Westeuropa entflohen, diese Worte in einem Wald in Polen und entschlossen sich, in dem Land zu bleiben.

Leben zwischen Marktplatz und Synagoge

Die ersten Ausstellungsteile zeigen, dass jüdische Händler und Siedler von Anfang an in den mittelalterlichen Städten Polens eine wichtige Rolle im Wirtschaftsleben spielten. Das Statut von Kalisz gewährte ihnen Glaubensfreiheit und regelte die rechtlichen Verhältnisse zwischen Christen und Juden. "Nirgendwo sonst auf der Welt hatten Juden in der Zeit zwischen dem alten Israel und der modernen Staatsgründung so ein Maß an Autonomie und Selbstregierung wie in Polen", betont Kirshenblatt-Gimblett.

Um das jüdische "Schtetl" geht es in einem anderen Kapitel - gemeint sind die vielen Städtchen, in denen Juden zwischen 30 und 70 Prozent der Bevölkerung ausmachten und sich das Leben zwischen Marktplatz und Synagoge abspielte. Zu den prächtigsten Exponaten der Ausstellung gehört eine mit historischen Werkzeugen und Materialien nachgebaute Holzsynagoge. Ein anderer Ausstellungsteil zeigt die Moderne - Assimilierung und Säkularisierung einerseits, die Welt des orthodoxen Judentums und der strenggläubigen Chassidim andererseits.

Die "jüdische Straße" im Polen der Zwischenkriegszeit könnte in Warschau, Krakau oder Wilna stehen. Nach dem Ersten Weltkrieg gehörten in Polen ein Drittel der Einwohner nationalen oder religiösen Minderheiten an. Etwa zehn Prozent waren Juden. In Städten wie Warschau gab es Dutzende jüdischer Theater und Konzertbühnen, Zeitungen in polnischer, jiddischer und hebräischer Sprache. Eine Auswahl der Titel füllt eine ganze Wand im Museum. "Wenn wir allein diese Fülle von Zeitungen sehen, wird klar, wie viel wir verloren haben", sagt Stola.

Ein dunkles Kapitel

Düster wird es, sobald die Besucher die Galerie "Zaglada" (Vernichtung) betreten. Die Ausstellung ist vor allem in schwarz-weiß gehalten, wie die Bilder alter Wochenschauen und Zeitungen aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges.

Mehrere dunkel gekleidete Menschen (Juden) gehen über eine Brücke, die am rechten Bildrand hinter einer Mauer verschwindet.

Diese Brücke hatte zwei Bezirke des Warschauer Ghettos miteinander verbunden. Dazwischen war "arisches Gebiet".

"Wir wollen die Geschichte aus der Perspektive der damaligen Menschen zeigen, die nicht wussten, was am Ende stehen würde", sagt Kirshenblatt-Gimblet. Diskriminierung, Zwangsarbeit, Ausgrenzung, bis schließlich Ghettomauern gebaut wurden und die Züge in die Vernichtungslager rollten.

Auf großformatige Bilder verhungernder Ghetto-Bewohner, Leichenberge in Auschwitz oder den Nachbau einer Gaskammer haben die Ausstellungsmacher bewusst verzichtet. "Wir wollen die Opfer nicht zur Schau stellen", betont Barbara Engelking, die Kuratorin der Holocaust-Galerie. "Wenn etwas so dramatisch ist, muss man es nicht herausschreien", setzt auch Museumsdirektor Stola auf die leisen Töne.

Neuanfang nach dem Krieg

Das letzte Kapitel der Ausstellung zeigt den schwierigen Neuanfang nach dem Krieg, als sich viele polnische Juden auch angesichts antisemitischen Drucks im kommunistischen Polen die Frage stellten, ob sie noch eine Zukunft haben in dem Land, das tausend Jahre lang Heimat der größten jüdischen Diaspora der Welt war. "Antwortet, wo seid ihr alle?" steht auf einer Wandseite, die mit Suchkarten des Roten Kreuzes bedeckt ist - symbolisch für die oft vergebliche Suche der Holocaust-Überlebenden nach Familie, Freunden, Nachbarn.

Bis zur letzten großen Emigrationswelle 1968 verließen etwa 90 Prozent der 300.000 polnischen Juden, die den Zweiten Weltkrieg überlebt hatten, das Land.

Erst seit wenigen Jahren entdecken viele Polen ihre jüdischen Wurzeln neu, erhalten die Gemeinden Zulauf. Und auch viele nichtjüdische Polen wollen mehr über die jüdische Geschichte in ihren Städten, in ihrem Land erfahren.

Das Museum will mit seiner Ausstellung Fragen beantworten und zum weiteren Lernen anregen. Auch im Internet ist es präsent - mit einer virtuellen Ausstellung , mit den "Geschichten aus Polin" , zu denen polnische wie jüdische Besucher mit ihren Erinnerungen beitragen können. Die Webseite «Wirtualny sztetl» soll zusätzliche Informationen über die untergegangene Welt der von jüdischen Einwohnern geprägten Städte geben.

Stola hofft, dass ein Besuch künftig auch zum Programm der vielen israelischen Schülergruppen gehört, die auf Studienreisen die ehemaligen deutschen Vernichtungslager Auschwitz oder Majdanek besuchen. "Polen wird oft als Friedhof der europäischen Juden wahrgenommen", sagt er. "Wir zeigen, dass Polen eine lebendige jüdische Geschichte hat."

Von Eva Krafczyk (dpa)