Bevor der Winter kommt

Aktualisiert am 12.11.2014  –  Lesedauer: 
Bild: © Polyband
Kino

Bonn ‐ Die Welt in Philippe Claudels "Bevor der Winter kommt" (Originaltitel: "Avant l'hiver") ist dunkel und trüb. Der Herbst hat scheinbar nicht nur die kahler werdenden Bäume, die Straßen und Häuser farblich herabgedimmt, sondern auch der Kleidung und den Gesichtern der Menschen einen Nebelschleier verpasst. Bis auf einmal ein Strauß roter Rosen auf dem Arbeitstisch des Neurochirurgen Paul steht und einen leuchtenden Farbfleck erzeugt, der wie eine Sonne in sein graues Universum hineinscheint.

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Dem anonym geschickten Rosenstrauß folgen zahlreiche weitere, die auch an Pauls Privatadresse geliefert werden. Der Arzt ist zuerst irritiert, dann genervt, schließlich beunruhigt, aber auch neugierig. Eines Abends sieht er in der Oper eine junge Frau in einem Kleid, das genauso rot ist wie die Rosen – und ihm fällt auf, dass sie ihm seit Kurzem ständig über den Weg läuft.

Der vor allem als Schriftsteller und Drehbuchautor bekannte Philippe Claudel erweist sich wie schon in seinem Regiedebüt "So viele Jahre liebe ich dich" als sorgfältiger Ausmaler sozialer Sphären. Die sterile Aura der Klinik kontrastiert er mit Pauls heller Vorstadtvilla und dem riesigen Garten, dessen Pflege die Lebensaufgabe seiner Frau Lucie zu sein scheint – was für ihn das Skalpell, ist für sie die Gartenschere. Sie, ihr Sohn Victor sowie Pauls bester Freund, der Psychiater Gérard, scheinen in Pauls Dasein allerdings nur deshalb zu existieren, um ihn als strahlenden Mittelpunkt seines Universums zu umkreisen.

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Versteckte Wünsche nach einem aufregenden Leben

Doch dieses egozentrisches Idyll ist eine Illusion, wie Claudel über die gekonnt arrangierte Mise-en-scène augenfällig macht: Pauls Haus hat riesige spiegelnde Scheiben, die sein Bild nur auf ihn selbst zurückwerfen und ihm den Blick nach draußen verwehren. Von Erfüllung weit entfernt, projiziert der Endfünfziger seine versteckten Wünsche nach einem aufregenderen Leben nun auf die mysteriöse junge Frau, die sich Lou nennt und als Kind von ihm angeblich operiert wurde. Was sie von sich selbst erzählt, ist widersprüchlich und fasziniert den Arzt genauso, wie es ihm Angst einjagt. Als er Lou nachts auf einem Straßenstrich entdeckt, kann er seine Aufgewühltheit selbst bei der Arbeit nicht mehr verbergen: Zum ersten Mal zittern ihm im Operationssaal die Hände.

"Bevor der Winter kommt" steht in der französischen Tradition kritischer Werke über das Großbürgertum und erinnert insbesondere an die Filme von Claude Sautet. Claudel erreicht zwar nicht deren feine Pointiertheit, führt aber überzeugend vor, wie sein Protagonist immer klarer erkennt, dass seine scheinbar so perfekte Welt auf einem äußerst fragilen Fundament ruht. Dass seine Ehe schon längst nicht mehr optimal läuft, geht ihm erst auf, als er zwangsbeurlaubt wird und auf einmal viel mehr Zeit zu Hause verbringt. Ob sie nachts, wenn er nicht da sei, immer stricke, fragt er Lucie einmal. "Das habe ich schon gemacht, als wir uns kennengelernt haben", antwortet sie, "damals fandest du das sexy."

Bild: ©Polyband

Weit entfernt von einem erfüllten Leben projiziert der Endfünfziger Paul seine versteckten Wünsche nach einem aufregenderen Leben auf die mysteriöse Lou, die er vor Jahren operiert haben soll.

Eine über Jahre erkaltete Liebe

Die präzise Dialoge ergänzen sich kongenial mit dem unterkühlten Spiel von Daniel Auteuil und Kristin Scott Thomas, die nuanciert eine über Jahre erkaltete Liebe nachvollziehbar machen. Ihre gemeinsamen Szenen bilden die besten Momente des Films. Die zunehmende Annäherung von Paul und Lou gerät dagegen erzählerisch blass, obwohl Claudel sich bemüht, die Beziehung zwischen dem älteren Mann und der schönen jungen Frau nicht auf erwartbare Stereotypen zu reduzieren; auch wirkt Pauls Selbstverständnis als väterlicher Beschützer durchaus glaubhaft. Immer mehr weicht die anfängliche Studie eines unzufriedenen Großbürgers jedoch einem Kriminalplot, dessen Ausgang einer logischen Analyse kaum standhält. Ähnliches galt auch schon für "So viele Jahre liebe ich dich", allerdings gab es dort ein dichteres Erzählkonzept, so dass die vergleichsweise schwache Auflösung kaum ins Gewicht fiel. "Bevor der Winter kommt" dagegen versteift sich auf zu viele narrative Stränge, die sich nicht überzeugend verbinden wollen. Das überdeckt zwar nicht die Qualitäten des Films, nimmt ihm aber einiges an Überzeugungskraft.

Von Marius Nobach

Stellungnahme der Filmkommission:

Ein erfolgreicher Neurochirurg bekommt anonym Rosensträuße zugeschickt und begegnet einer rätselhaften jungen Frau. Das führt ihn beruflich und privat an einen Scheideweg und lässt ihn erkennen, dass sein scheinbar erfülltes Dasein auf tönernen Füßen steht. Stimmungsvolles Drama mit präzisen Dialogen und außergewöhnlichen darstellerischen Leistungen, das in der französischen Kinotradition kritischer Filme über das Großbürgertum steht.Die subtil arrangierte und farblich nuanciert ausgeleuchtete Geschichte um eine erkaltete Liebe leidet jedoch zunehmend an der unglaubwürdigen Kriminalhandlung und beraubt sich durch ein Übermaß an Nebensträngen um seine Wirkung. - Ab 16.

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