Interessensgruppen präsentieren sich auf der Kirchenmeile

Katholikentag in Stuttgart zeigt Facetten der Weltkirche

Aktualisiert am 26.05.2022  –  Lesedauer: 

Stuttgart ‐ Beim Katholikentag werben zahlreiche Verbände und Initiativen – konservative wie reformorientierte – für ihre Anliegen. Die Bandbreite ist groß. Auch Kirchengegner kommen in Stuttgart zu Wort.

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Egal ob papsttreu oder romkritisch, ob jung, alt, fortschrittlich oder traditionalistisch: Die Kirchenmeile beim 102. Katholikentag in Stuttgart hat für allerhand Interessen ein passendes Angebot. Aberdutzende Zelte, Stände und Bühnen rund um den Schlossplatz zeugen von weltkirchlicher Vielfalt. Initiatoren sind bei weitem nicht nur arrivierte Funktionäre. Außenseiter und gar Kirchengegner sind ebenso dabei – passend zum Motto "leben teilen".

Der "heißeste Stand" ist nach den Worten von Michael Karger jener zum Synodalen Weg, dem aktuellen Reformprojekt der katholischen Kirche in Deutschland. "Das Vorhaben ist in den Pfarreien noch nicht richtig angekommen", gibt Karger zu, der sich in bester Lage mitten in der Königsstraße postiert hat. Als Referent der Deutschen Bischofskonferenz zählt er zum Organisationsteam des Synodalen Wegs, der die Kirche aus einer seit Jahren anhaltenden Krise führen soll. "Wir wollen den Menschen erklären, dass es dabei nicht um Spaltung geht", sagt der Theologe mit Blick auf Streitfragen wie Pflichtzölibat oder die Rolle der Frau.

"Unsere Kräfte reichen einfach nicht"

Trotz der friedlichen Atmosphäre beim Katholikentag berichtet Karger, dass es mitunter zu unliebsamen Ereignissen komme. So habe ein dreister Unbekannter versucht, den "Synofanten" zu stehlen. Durch eine kurze Verfolgungsjagd sei es gelungen, das Stoffmaskottchen vor dem unbefugten Zugriff zu retten.

Derlei Zwischenfälle muss Johannes Norpoth, Sprecher des Betroffenenbeirats bei der Deutschen Bischofskonferenz, nicht fürchten. Eigentlich wollten er und seine Mitstreiter ihre Arbeit in Sachen Missbrauch vorstellen. Doch das gemietete Zelt vor dem Schlossplatz bleibt verwaist. "Unsere Kräfte reichen einfach nicht", klagt Norpoth, der sich mehr Unterstützung gewünscht hätte.

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Der Betroffenenbeirat hat das Zelt daher kurzerhand zu einem subtilen Protestsymbol umfunktioniert. Der Eingang wurde mit einer Plane verhängt, auf der eine Baustellen-Absperrung abgebildet ist. Auf einem Warnschild prangt die Aufschrift: "Betreten der Baustelle verboten – Betroffene haften für ihre Bischöfe".

Das Thema Missbrauchsaufarbeitung treibt auch viele der Tausenden Besucher des Glaubensfestes um. "Es werden immer die gleichen Fehler gemacht", kritisiert Religionspädagogik-Studentin Sarah von der katholischen Hochschule Benediktbeuern. Gemeinsam mit anderen Studierenden ist sie dennoch zuversichtlich nach Stuttgart gereist. "Wir sind davon überzeugt", dass Kirche eine Zukunft hat", sagt die 24-Jährige.

Auch andere Haltungen repräsentiert

Eine völlig andere Haltung vertritt die Giordano-Bruno-Stiftung. Mehrere ihrer Aktivisten haben sich in der Nähe des Landesmuseums versammelt. Mit dem Slogan "11. Gebot: Du sollst Deinen Kirchentag selbst bezahlen!" wenden sie sich gegen staatliche Zuschüsse. Von den Kosten des Katholikentags trage die öffentliche Hand mehr als 40 Prozent, gibt Stiftungskoordinator David Farago zu bedenken. Das sei ein Unding. Das Staat-Kirche-Verhältnis müsse grundlegend reformiert werden, fordert der Schreinermeister aus Augsburg.

Clara Steinbrecher erklärt Besuchern indes, warum die Kirche mehr "Mut gegen Reformen" brauche. Jedenfalls gegen solche, die aus ihrer Sicht gegen das kirchliche Lehramt verstoßen. Frauenpriestertum? "Wird es nie geben", ist die Leiterin von Maria 1.0 überzeugt. Die vor drei Jahren gegründete Initiative ist zum ersten Mal beim Katholikentag vertreten. Rund 1.500 Euro hat die Gruppe für ein drei mal drei Meter großes Zelt investiert. "Maria braucht kein Update!", ist auf einer Infotafel am Eingang zu lesen. Der Standort im Stadtgarten liegt etwas abseits der eigentlichen Kirchenmeile. Das tut dem Engagement aber keinen Abbruch.

Der unablässige Reformstreit führe nicht weiter, meint Steinbrecher. Stattdessen solle man sich auf das besinnen, was bereits vor Jahrhunderten "als Wahrheit" erkannt worden sei. Dazu gehöre etwa, dass ausgelebte Homosexualität "nicht gut" sei, so die 24 Jahre alte Studentin. Die Kirche müsse in solchen Frage wieder deutlicher Farbe bekennen – auch wenn es dem Zeitgeist widerspreche.

Von Alexander Pitz (KNA)