Abschluss des Solidaritätsbesuchs europäischer Bischöfe in Jerusalem

Weihbischof Bentz: Heilige Stätten brauchen internationalen Status

Aktualisiert am 27.05.2022  –  Lesedauer: 
Mainzer Weihbischof Udo Bentz
Bild: © KNA

Jerusalem ‐ Immer wieder kommt es zu gewaltsamen Konflikten in Jerusalem. Der Nahost-Beauftragte der deutschen Bischöfe, Udo Bentz, war zu Besuch im Heiligen Land und spricht im Interview über das Potenzial eines internationalen Status' der Heiligen Stätten.

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Im festgefahrenen israelisch-palästinensischen Konflikt kann eine christliche Sicht auf die Zukunft Jerusalems und des Landes nach Worten des Mainzer Weihbischofs Udo Bentz wesentlich zu einer Friedensvision beitragen. Es herrsche unter den Christen "die Einsicht, dass neues Denken nötig ist", sagte der Vorsitzende der Arbeitsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Kommission Weltkirche zum Abschluss des 22. Solidaritätsbesuchs europäischer Bischöfe mit Christen im Heiligen Land im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Jerusalem.

Frage: Herr Weihbischof, Jerusalem stand im Fokus des diesjährigen Solidaritätsbesuchs. Wie ist die christliche Sicht auf die Heilige Stadt?

Bentz: Wir haben einen anderen Zugang als jüdische Israelis und als palästinensische Muslime, die beide auch nationale Ansprüche haben. Wir müssen unsere Sicht auf die Zukunft von Jerusalem, ihren Status, und ihre Bedeutung stärken. Sie ist die Stadt der Juden, Christen und Muslime. Das ist ihre Identität. Ein neuer Zugang wurde hier diskutiert: Die heiligen Stätten sollen als Ort der Begegnung einen eigenen internationalen Rechtsstatus bekommen, um sie aus nationalen Ansprüchen herauszunehmen. Das kann ein wesentlicher Beitrag für eine Friedensvision sein, utopisch oder nicht. Jedenfalls bringt es Bewegung in eine festgefahrene Situation.

Frage: Festgefahren scheint auch die Debatte um eine Zwei-Staaten-Lösung. Sehen Sie hier Bewegung?

Bentz: Palästinensische Christen stellen die Frage, ob es nicht neue Ansätze geben müsse. Während man nämlich auf Schritte hin zu einer Zwei-Staaten-Lösung wartet, werden gleichzeitig Fakten geschaffen, etwa beim israelischen Siedlungsbau, die eine Zwei-Staaten-Lösung immer schwerer realisierbar erscheinen lassen. Von anderen wurde die Zwei-Staaten-Lösung weiterhin als das Ziel formuliert, allerdings nicht um jeden Preis. Es herrscht die Einsicht, dass neues Denken nötig ist.

Frage: Bisher hat auch die internationale Bischofsgruppe an der Zwei-Staaten-Lösung festgehalten. Muss ein Umdenken stattfinden?

Bentz: Ich verstehe die internationale Bischofsgruppe als lernende Pilgergruppe. Die Begegnungen haben unsere Gespräche verändert. Das darf man nicht überbewerten, aber wenn wir fähig werden, uns auf Begegnung einzulassen, ist das Ergebnis nicht vorweggenommen, der Weg nicht definiert, doch es verändert alle Beteiligten. Das ist etwas anderes, als Stereotypen zu wiederholen.

„Wenn es gelingt, das Verbindende der Christen der unterschiedlichen Konfessionen weiter zu stärken, sehe ich darin ein großes Potenzial.“

—  Zitat: Udo Bentz

Frage: Welchen Eindruck nehmen Sie von der aktuellen Situation der Christen in Jerusalem mit?

Bentz: Für jemanden, der nicht hier lebt, sondern als Pilger kommt, ist die größte Herausforderung, die Komplexität und Ambivalenz der Wirklichkeit vor Ort an sich heranzulassen. Die Situation der Christen ist sehr komplex. Ein Gesprächspartner etwa sagte, Besucher von außen könnten die Manifestationen der Bedrängnis wahrnehmen. Was es jedoch im alltäglichen Zusammenleben von Menschen bedeute, könne man nur als Betroffener erfassen. Das hat mich nachdenklich gemacht. Wir haben Jugendliche getroffen, die nach ihrer Perspektive hier im Land fragen. Der Druck auf die Christen ist groß. Die Frage, wie die Abwanderung gestoppt werden kann, treibt sie um. Gleichzeitig bin ich beeindruckt von den unzähligen Hilfsinitiativen, die Christen in vielfältiger Weise unterstützen. Die Zahl der Christen ist extrem gesunken, das gesellschaftliche Engagement der christlichen Organisationen ist jedoch hoch.

Frage: Trotzdem sagen kritische Stimmen, die Kirche tue nicht genug für sie.

Bentz: Es gibt enorm hohe Erwartungen, insbesondere bei den jungen Christen. Es gehört zur Komplexität der Situation, diese Unterschiedlichkeit nebeneinander stehen zu lassen.

Frage: Sehen Sie Möglichkeiten, dabei zu helfen, diese Diskrepanz zu verringern?

Bentz: Die Multikonfessionalität und Internationalität der Christen hier bringen eine eigene Dynamik mit sich. Wenn es gelingt, das Verbindende der Christen der unterschiedlichen Konfessionen weiter zu stärken, sehe ich darin ein großes Potenzial. Wir müssen uns fragen, wie wir die Resilienz und das Vertrauen der Christen in die eigene Wirksamkeit stärken können.

Frage: Und Ihre Antwort?

Bentz: Auch hier gilt: Begegnung verändert. Wenn junge Christen eine Perspektive auf das Leben anderer junger Christen in anderen gesellschaftlichen Kontexten gewinnen, bekommen sie einen neuen Blick auf die eigene Situation. Deshalb: Es benötigt mehr Begegnungsformate. Die Wallfahrt nach Jerusalem ist einzigartig und unterscheidet sich von allen anderen Wallfahrtszielen, weil wir zum Ursprung und zur Bibel pilgern. Das ist eine geistliche Erfahrung, aber auch eine Verheutigung: Die heiligen Orte sind keine Museen, sondern die Verortung der Evangelien im Hier und Jetzt.

Frage: Palästinenser, auch Christen, äußern immer wieder Kritik, dass die internationale Gemeinschaft Israel nicht für Vergehen zur Rechenschaft zieht. Müsste sich die Kirche in Deutschland stärker für konkretes Handeln engagieren?

Bentz: Der jährliche internationale Bischofsbesuch hat auch das Ziel, neue Erfahrungen zu sammeln, um zuhause in unseren Ländern wirksamer für die Anliegen der Christen hier im Heiligen Land eintreten zu können. Das heißt auch, mutig kritische Punkte zu benennen im Blick auf die politischen Rahmenbedingungen. Gleichzeitig haben wir als Deutsche eine besondere Verantwortung Israel gegenüber. Das steht außer Frage. Diese Spannung kann man nicht auflösen, sondern ihr nur mit sachgerechter Differenzierung begegnen. Im Fall etwa der getöteten christlichen Journalistin Schireen Abu Akleh haben wir das sehr deutlich getan. Die Leitfrage muss bleiben: Was nützt wem in welchem Maße.

Von Andrea Krogmann (KNA)