Nach Replik von Synodaler-Weg-Vizepräsident Söding

Debatte um "doppeltes Lehramt": Theologe Rhonheimer verteidigt Kritik

Aktualisiert am 27.05.2022  –  Lesedauer: 

Wien ‐ Konstruiert der Synodale Weg im Orientierungstext ein "doppeltes Lehramt" aus Bischöfen und Theologie? Vizepräsident Thomas Söding hatte der Kritik des Theologen Martin Rhonheimer zuletzt widersprochen. Dieser bekräftigt nun seine Einwände.

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Der Schweizer Theologe Martin Rhonheimer verteidigt seine Kritik am Orientierungstext des Synodalen Wegs und der seiner Ansicht nach darin enthaltenen haltlosen Konstruktion eines "doppelten Lehramts" von Bischöfen und Theologen. Diese sei der "rote Faden, der durch die zwar differenzierten, aber bei entscheidenden Passagen – wohl bewusst – unklar gehaltenen Aussagen des Orientierungstextes hindurchläuft", schreibt Rhonheimer in einer Stellungnahme, die katholisch.de vorliegt. Er reagiert damit auf die Aussagen des Bochumer Neutestamentlers Thomas Söding, Vizepräsident des Synodalen Wegs, der die zuvor von Rhonheimer in einem Artikel für die "Herder Korrespondenz" vorgebrachte Kritik am Orientierungstext zurückgewiesen hatte.

Rhonheimer hatte in einem Beitrag in der Mai-Ausgabe der Zeitschrift die These von einem komplementären Lehramt von Theologen und Bischöfen, die der Orientierungstext seiner Ansicht nach vertritt, als haltlose historische Konstruktion bezeichnet. Die vor allem vom Kirchenhistoriker Hubert Wolf populär gemachte Auffassung, wonach es im Mittelalter bis zum Ersten Vatikanischen Konzil ein "doppeltes Lehramt" von Hirten und theologischen Magistern der Universität gegeben habe, beruhe auf der falschen beziehungsweise unvollständigen Zitation von Quellen. Auch darüber hinaus sei das Narrativ, wonach sich das kirchliche Lehramt nach dem Ersten Vatikanischen Konzil Kompetenzen angeeignet habe, die früher den Theologen zugestanden seien, historisch unkorrekt.

Erneuerung der Kritik

Söding erklärte daraufhin im Podcast, dass der Synodale Weg den Begriff "Lehramt" ausschließlich für das bischöfliche Lehramt verwende. Dieses habe jedoch nach katholischer Lehre nicht für alle Themen Kompetenz und würde sich selbst schaden, wenn es sich diese Kompetenz zuspreche. Ethische Fragen oder Details der Bibelauslegung beispielsweise gehörten in den Kompetenzbereich der Theologie. Eine einseitige Unterordnung der Theologie unter das bischöfliche Lehramt sei daher auch abzulehnen. Das sei eine Vorstellung des 19. Jahrhunderts. Beide, Theologie und Lehramt, gehörten stattdessen zu einem vernetzten "Gefüge von Bezeugungsinstanzen". Die Theologie sei dabei die Instanz, die das Verhältnis der einzelnen Instanzen zueinander bestimmen könne.

In seiner aktuellen Stellungnahme erneuert Rhonheimer zunächst seine Kritik an der These vom "doppelten Lehramt" und betont nochmals, dass der Orientierungstext sich diese zu eigen gemacht habe. Wenn es dort heiße, dass das Lehramt sich in früheren Zeiten "theologischen Streitfragen jenseits konziliarer Entscheidungen […] eher zurückgehalten und die Klärung zentraler Fragen den theologischen Debatten überlassen" habe und in Folge des Ersten Vatikanischen Konzils das päpstliche Lehramt "aus apologetischen Gründen" mehr und mehr die Aufgabe und Kompetenz der Theologie für sich in Anspruch genommen habe, sei das genau die These von Hubert Wolf. Doch den theologischen Fakultäten sei zur damaligen Zeit bei weitem nicht die ihnen zugeschriebene Rolle zugekommen.

Linktipp: Theologe: These vom "doppelten Lehramt" beruht auf haltlosen Schlüssen

Gab es im Mittelalter ein "doppeltes Lehramt" von Bischöfen und Theologen? Einige Kirchenhistoriker vertreten diese These – und auch der Orientierungstext des Synodalen Wegs greift sie auf. Der Theologe Martin Rhonheimer hält sie für nicht belegbar.

Es sei es zwar, wie Söding sage, richtig, dass der Orientierungstext des Synodalpräsidiums von "Lehramt" immer nur im strikten Sinne des bischöflichen Lehramtes spreche. Allerdings scheine das Ziel des Textes zu sein, den Begriff zu relativieren. "Bei Söding selbst wird dies ganz deutlich, wenn er am Ende des Podcasts (bischöfliches) Lehramt und akademische Theologie als zwei in, wie er sagt, 'reziproker' Beziehung stehende 'Reflexionsinstanzen' bezeichnet. Für ein solches 'pluriformes System' brauche es deshalb dann auch 'verlässliche Dialogstrukturen' und eine 'Konfliktlösungsorganisation'", so Rhonheimer. Letztere sei aber offenbar nicht das Lehramt selbst.

An diesem Punkt weiche Söding "ganz offensichtlich" von der Auffassung des Zweiten Vatikanischen Konzils und der katholischen Kirche insgesamt ab. Denn gemäß katholischer Auffassung sei das bischöfliche Lehramt eine durch die Bischofsweihe mit verbindlicher Autorität ausgestattete lehrmäßige Entscheidungsinstanz "und nicht eine bloße 'Reflexionsinstanz' gleichsam 'reziprok' zur akademischen Theologie, wie das Thomas Söding gemäß der Logik eines 'doppelten Lehramtes von Bischöfen und Theologen' sieht".

Heutiger Konflikt sei ein anderer

Rhonheimer räumt ein, dass Söding grundsätzlich richtig liege, wenn er auf die frühere Disziplinierung der theologischen Forschung durch eine kirchliche Autorität, "die Angst vor einer oft religions- und kirchenfeindlichen Moderne hatte", und auf die "zuweilen betrüblichen Folgen dieser Praxis" hinweise. Allerdings gehe es beim heutigen Konflikt vor allem zwischen deutscher Theologie und römischem Lehramt nicht mehr um Detailfragen der Metaphysik oder Bibelinterpretation, "sondern um zentrale Fragen des Glaubens, des Kirchen- und Amtsverständnisses sowie der katholischen Moral". Die Beziehung zwischen Theologie und Lehramt sei zwar von komplexer Natur und die Freiheit der theologischen Forschung ein hohes Gut. "Dennoch steht diese immer im Dienst der Weitergabe des authentischen, offenbarten Glaubensgutes, wofür nach katholischer Auffassung die letzte Verantwortung dem Lehramt der Bischöfe in Einheit mit dem Bischof von Rom zukommt", so Rhonheimer.

Der Theologe wehrt sich außerdem gegen den Vorwurf, er würde in seinem Artikel empfehlen, dass die Kirche wieder zu Pius IX. zurückkehren solle. Dieser war Papst zur Zeit des Ersten Vatikanischen Konzils. Seine kritische Haltung zu dessen Lehramt und Pontifikat sei durch seine Veröffentlichungen hinreichend bekannt.

Martin Rhonheimer lehrte von 1990 bis 2020 Ethik und politische Philosophie an der Päpstlichen Universität Santa Croce in Rom. Er ist Gründungspräsident des "Austrian Institute of Economics and Social Philosophy" in Wien. (mal)