Standpunkt

Keine religiösen Accessoires: Was Neupriester wirklich brauchen

Aktualisiert am 01.06.2022  –  Lesedauer: 
Schachfigur
Bild: © Fotolia.com/Roma

Bonn ‐ In den kommenden Tagen werden in mehreren Bistümern junge Männer zu Priestern geweiht. "Was schenke ich zur Priesterweihe?", fragt sich Roland Müller – und findet eine ungewöhnliche Antwort, die ein Leben lang hält.

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"Hallo, Hilfe. Was schenke ich zur Priesterweihe?" Diese Frage einer Theologiestudentin begegnete mir gestern auf Twitter. Schlagartig wurde mir klar: Wir befinden uns kurz vor Pfingsten und in diesen Tagen stehen in mehreren Bistümern die Priesterweihen an. Viele Weihekandidaten sind es wohl nicht, auch wenn die genaue Zahl noch nicht bekannt ist. 2020 empfingen in Deutschland nur 56 Männer das Sakrament. Zwanzig Jahre zuvor waren es immerhin noch 154 Neupriester. Wer einen der wenigen Kandidaten kennt, zerbricht sich heute wie damals nichtsdestoweniger den Kopf darüber, womit man den Neupriester beschenken könnte. Eine Stola, ein spirituelles Buch oder eine Flasche Wein? Meine Antwort auf diese Frage – und auf den oben zitierten Tweet – ist ganz einfach: "Zeit, Freundschaft, Gebet."

Wer sich momentan dazu entschließt, Priester zu werden, hat mit vielen Vorurteilen in Kirche und Gesellschaft zu kämpfen: Priesteramtskandidaten schlägt Unverständnis und Ablehnung entgegen – selbst in den eigenen Kirchengemeinden. Nicht wenige Ordensleute und Geistliche wurden auf der Straße schon beschimpft – denn das Ansehen der Kirche ist im Zuge des Missbrauchsskandal und seiner schleppenden Aufarbeitung auf einen Tiefpunkt gesunken. Ein befreundeter Priester fasste die Situation vor kurzem prägnant wie folgt zusammen: "Als Priester bist Du heute für alle der Arsch." Ich bin überzeugt: In dieser herausfordernden Situation brauchen Menschen, die trotzdem einen geistlichen Weg einschlagen, als Geschenk zu ihrer Weihe weitaus mehr die Zusage von Freundschaft als etwa priesterliche Accessoires.

Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Ich denke dabei nicht an eine klerikalistisch-heile Welt, in der sich die Neupriester einigeln können. Denn wer heute Priester wird, muss ein geerdeter Mensch sein, der selbstverständlich Freundschaften zu Personen aller Geschlechter pflegt und sein Amt als Dienst an den Menschen versteht. Gerade wer aufgrund der Ehelosigkeit um des Himmelreichs willen auf eine romantische Partnerschaft verzichtet, ist auf tragende Beziehungen angewiesen – die auch dann halten, wenn Einsamkeit, Zweifel und Ängste aufkommen. Gemeinsam verbrachte Zeit, echte Freundschaft und eine Verbundenheit im Gebet, so wie sie Papst Franziskus mit seinem sich regelmäßig wiederholenden Aufruf "Betet für mich!" in Erinnerung ruft, können durch ein ganzes priesterliches Leben tragen. Wenn dieses Geschenk zur Weihe übergeben wird, kann es natürlich auch von einer Kleinigkeit wie einer Flasche Wein begleitet werden – die aber nur eine Nebensache ist.

Von Roland Müller

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt ausschließlich die Meinung der Autorin bzw. des Autors wider.