Wenn schlechte Nachrichten sich übertreffen

Oasen finden in wüsten Zeiten: Wie wir in Krisen nicht untergehen

Aktualisiert am 13.06.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Bonn ‐ In der Wüste muss man nach verborgenen Wasserquellen suchen, um überleben zu können. Auch in unserem Leben müssen wir Quellen finden, die uns in Leid und Not nicht verdursten lassen. Magret Keusgen hat praktische Tipps.

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Wüsten sind unwirtliche Gegenden für uns Menschen. Landschaften aus Sand, soweit das Auge reicht, die sich durch Wind und Sturm immer wieder verändern. Öde und trocken, keine markierten Wege oder Straßen, die hindurchführen. Tagsüber scheint unerbittlich und gleißend die Sonne, mit flirrender, unerträglicher Hitze, nachts eisige Kälte unter sternenklarem Himmel.

Wer sich in der Wüste aufhält, muss Proviant und vor allem genug Wasser dabeihaben, dazu im besten Fall jemanden, der oder die sich auskennt. Wer unterwegs genau hinsieht, wird feststellen, dass die Wüste lebt. Gut angepasste Tiere und Pflanzen haben dort ihren Lebensraum. Sie wissen, wo sie Wasser finden und kommen mit wenig Flüssigkeit lange aus.

Verborgene Quellen und Flüsse kommen an einigen Stellen an die Oberfläche. An diesen Wasserstellen bilden sich Oasen mit grünen Pflanzen und Bäumen. Dort blüht das Leben, können Durst und Hunger gestillt werden.

Wüstenerfahrungen

Spätestens seit dem Ausbruch der Pandemie 2020 durchleben viele von uns wüste Zeiten. Kontaktbeschränkungen und Krankheit ließen und lassen unseren Alltag wie ausgetrocknet und verdorrt erscheinen. Mitten in die Phasen der Lockerung und Besserung kommen die Nachrichten und Erfahrungen von Naturkatastrophen und Krieg – nicht mehr weit weg, sondern plötzlich ganz in der Nähe. Schicksalsschläge treffen uns persönlich oder werden von uns hautnah miterlebt.

Nichts, was uns bisher Sicherheit gab, ist selbstverständlich. Ohnmächtig und hilflos müssen wir zuschauen, wie Liebgewonnenes sich verändert und zerstört wird. Das hinterlässt Spuren in unseren Beziehungen, in unseren Familien. Außerdem verlagern und verstärken sich die Anforderungen und der Stress im Berufsleben.

Verunsichert suchen wir mühsam Wege in der veränderten Wirklichkeit. Unsere äußere und vor allem unsere innere Lebenswelt erscheinen uns so unwirtlich, dass wir sie mit einer Wüste vergleichen können.

Sand läuft zwischen den Fingern einer Frau hindurch
Bild: ©adobestock/rodimovpavel

Sand läuft zwischen den Fingern einer Frau hindurch

Wüstenwege

Wahrzunehmen, dass wir das jetzt so sehen und erleben, ist ein erster Schritt auf dem Weg. Nachzuspüren, wie wütend, traurig, verzweifelt oder kraftlos ich bin, tut weh und hilft gleichzeitig. Dadurch wird der Blick freier, der Horizont weitet sich wieder.

Den Schriftsteller Saint-Exupéry zog es immer wieder in die Wüste. Von ihm stammt das Wort: "Es macht die Wüste schön, dass sie irgendwo einen Brunnen birgt." Nach den versteckten Wasseradern, den Quellen in der Trockenheit und Dürre zu suchen, ist der zweite Schritt. Genau hinzuschauen, wo ich etwas Lebendiges finde, in der Natur und in meinem Herzen. Was wächst in meiner Wüste? Was möchte aufblühen? Es sind die kleinen Dinge, mit denen es beginnt: Ein Blick, ein Lächeln, ein Spaziergang mit dem bewussten Anschauen der Umgebung und der Natur, Musik hören, tanzen, musizieren, singen, mich bewegen und vieles mehr. Herausfinden, was mir guttut.

Oasen als Kraftorte entdecken

Unmerklich komme ich auf einmal zur Oase. Die Wasserstelle mit ihrer blühenden Umgebung lädt ein zum Bleiben. Frisch gestärkt nehme ich Kontakt zu meinen Mitmenschen auf und begegne ihnen. In mir spüre ich die Kraft, ihnen zuzuhören. Gemeinsam haben wir Ideen, Neues zu gestalten und aufzubauen. Zusammen packen wir an und gehen weiter. Wir haben neue Kraft geschöpft und fühlen uns lebendig.

Solche Oasentage sind einerseits ein Geschenk, andererseits kann ich sie auch einplanen, indem ich mir Zeit für sie freihalte. Es muss nicht immer ein ganzer Tag sein, doch Phasen, in denen ich zu mir finde, und Zeiten, die ich mir mit anderen und für sie gönne, sind notwendig. Wir profitieren gleichermaßen davon.

Der Glaube an Gott als den, der uns hält und trägt, ist eine weitere große Kraftquelle.

Die Bibel ist voller Geschichten von Wüsten- und Oasenerfahrungen. Vierzig Jahre lang muss das Volk Israel durch die Wüste wandern, bis es endlich in der Freiheit des Gelobten Landes ankommt, in dem Milch und Honig fließen. Viele Abenteuer hat es unterwegs zu bestehen. Im Psalm 23 wird das feste Vertrauen darauf beschrieben, dass Gott die Wege aus dem finsteren Tal der Angst und der Not hinaus zur grünen Weide und zum Wasser kennt, und uns dahin führt. Jesus lädt ein: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch bestärken und euch Ruhe verschaffen.

Wenn wir uns darauf verlassen, dass wir nicht alleine sind und die Wüste lebt, werden wir die Oasen entdecken und unseren Weg zu ihnen finden.

Von Margret Keusgen

Die Autorin

Margret Keusgen, Diplom-Religionspädagogin, arbeitet als Gemeindereferentin im Sendungsraum Grevenbroich/ Rommerskirchen, Erzbistum Köln, ist Lehrbeauftragte im Fachbereich Theologie an der Katholischen Hochschule Paderborn und als Autorin tätig.