Beten mit den Füßen

Die Kunst des meditativen Gehens

Aktualisiert am 06.06.2022  –  Lesedauer: 
Spiritea

Jerusalem ‐ Schnell, behäbig, schlurfend: Ganz unbewusst drückt der Gang unsere Stimmung aus. Andersherum können wir aber auch durch das Gehen unsere innere Verfassung beeinflussen. Schwester Gabriela Zinkl erklärt, wie man meditativ geht und dadurch zur Ruhe kommt.

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Jede geht anders. Jeder geht anders. Wir können Menschen anhand ihres Aussehens oder ihrer Äußerungen unterscheiden und an ihrer individuellen Art des Gehens. Wenn man auf einer Bank in der Fußgängerzone oder auf den Stufen vor einer Kirche oder einem Museum sitzt, kann man das gut beobachten, welche verschiedenen "Gangarten" wir Menschen an den Tag legen.

Gehen, ohne etwas auszudrücken, geht nicht.

Die einen gehen eher schwerfällig und schieben ihre ganze Körperfülle mühevoll vor sich her wie ein Großtrommelträger. Bei anderen wirkt der Gang zart, tänzelnd und voller Leichtigkeit wie bei einem Reh oder einer Gazelle. Die Athletinnen und Eiligen zischen an einem vorbei, während die Schlurfenden oder Dahinschleichenden es mit dem Tempo einer Schnecke aufnehmen können. Andere wieder stampfen und hasten so energisch dahin, dass man ihnen die Wut förmlich ansieht. Und so manche laufen vor irgendetwas oder irgendjemandem davon. Nicht wenige sind momentan auf der Flucht, das merkt man daran, dass sie sich immer wieder umdrehen, ob ihnen auch ja niemand folgt oder zu nahe kommt, und sie eher verängstigt auf den Weg blicken, der vor ihnen liegt – was mag er wohl bringen? Nicht nur in Parks und am Seeufer gibt es die Flaneure, die beim Dahinschlendern ein Eis genießen, Schaufensterauslagen begutachten oder ihren Blick in den Himmel schweifen lassen. Nicht zu vergessen diejenigen, die gar nicht auf eigenen Beinen stehen und gehen, nicht mehr, noch nicht; Babys, die bequem herumgefahren oder getragen werden, Fußkranke, Gelähmte oder Ältere, die auf einen Rollstuhl oder Rollator als Gehhilfe angewiesen sind. Im Millionen mal abgespielten Video "100 ways to walk" führt ein junger Künstler auf einem Laufband die Vielfalt und Verschiedenheit unseres Gehens vor; das ist interessant, lustig und ironisch zugleich, tatsächlich versteht man bei jeder Gangart sofort, welcher Mensch da jeweils porträtiert wird. 

Gehen, ohne etwas damit auszudrücken, geht nicht. Jede Art der Körpersprache im Gang unseres Gegenübers oder bei uns selbst sagt etwas über den derzeitigen Gemütszustand der betreffenden Person aus. Das fällt uns manchmal bei anderen auf, bei uns selbst weniger, wie so oft. Und wenn wir ehrlich sind, messen wir unserem eigenen Gehen oft gar keine Bedeutung zu, weil es ja so selbstverständlich ist und funktioniert. Meistens ist das Gehen für uns nur Mittel zum Zweck, um vorwärts zu kommen von A nach B.

Pilger steht auf Felsen, man sieht nur die Wanderschuhe in Großaufnahme
Bild: ©Fotolia.com/Robert Neumann

Jeder Mensch geht anders.

Dabei kann man es als Geherin oder Geher sogar zum Sportprofi schaffen, Gehen ist seit Langem eine olympische Disziplin. Für Zuschauer sieht das seltsam aus, wegen der markanten Hüftbewegung, die die Sport-Geher an den Tag legen, weil sie im Gegensatz zu Läufern immer mit einem Fuß Bodenkontakt haben müssen. Ganz am anderen Ende der Skala menschlicher Gangarten gibt es noch etwas anderes, das eher selten anzutreffen ist: das meditative Gehen. Wir finden es dort, wo viele gemeinsam in einer Prozession voranschreiten mit Gesängen, Gebeten, Kerzen, Vortragekreuz. Man kann allein oder mit mehreren auf einem Pilgerweg besinnlich gehen, bewusst und achtsam einen Schritt vor den anderen setzend. Diese Übung kennen Mönche und Nonnen, Yoga-Freunde und alle, die Zen-Buddhismus praktizieren.

So funktioniert meditatives Gehen

Gehen als Meditation, das heißt durch die Art wie ich gehe, zur Mitte, zum Eigentlichen kommen, aufmerksam werden, sich auf das Wesentliche konzentrieren, nicht einfach achtlos dahinhetzen. Gehen als Meditation heißt langsam gehen, Schritt für Schritt, beinahe in Zeitlupe: einen Fuß heben, nach vorne ziehen, die Ferse aufsetzen und den Fußballen abrollen bis auch die Zehen am Boden sind, dann dasselbe mit dem anderen Fuß, Schritt für Schritt, alle Konzentration auf die Berührung des Bodens und in den begleitenden Atem fließen lassen. Dann sind Gehen und Atmen, Mensch und Berührung der Erde eins. So eine Art des langsamen und bewussten Gehens erdet stark und kann auch einen aufgewühlten Geist besänftigen.

Es lohnt sich, diese Art des meditativen Gehens einmal auszuprobieren, auch wenn es am Anfang vielleicht ungewohnt ist. Das Ungewöhnlichste daran ist sicher nicht das Gehen, sondern ganz bewusst einen Schritt vor den anderen zu setzen. Sonst schenken wir unseren Füßen ja so gut wie keine Aufmerksamkeit, außer uns drückt der Schuh oder es ist eine Blase im Entstehen. Dann werden wir bei jedem Schritt plötzlich hypersensibel, warum nicht auch mal zwischendurch?

Der Kreuzgang als Ort des meditativen Gehens

An besonderen Orten der Stille und des Gebets, in Klöstern oder neben bedeutenden Kirchen, wie etwa dem Bonner Münster dem Trierer Dom, gibt es für diese meditative Art des Gehens einen besonderen Platz: den Kreuzgang. Ein Kreuzgang ist mehr als ein Innenhof, genauso wie meditatives Gehen mehr ist als ein Sträflingsrundgang. Was wir als "Kreuzgang" bezeichnen, ist ein überdachter, oft gewölbter Bogengang um einen quadratischen oder rechteckigen Innenhof. Oft grenzt ein Kreuzgang an eine benachbarte Kirche. Normalerweise sind seine Querseiten mittig durch zwei Wege verbunden, die sich in der Mitte kreuzen. Manchmal steht in deren Zentrum ein kleiner Brunnen, ein Rosenstock, ein Kreuz, eine Statue oder eine Heiligenfigur.

So ein Ort ist wie gemacht für das bewusste Gehen in Stille. Für eine Zeit lang ist man abgeschottet vom Lärm und den Ablenkungen der Welt um sich herum. Für ein paar Minuten ganz bewusst und langsam gehen, leise für sich, auf jeden Schritt achtend, im Einklang mit dem Atem. Oder mit einem Gebetstext, einem Bibelvers, einer Liedzeile oder nur einem einzigen Wort in Gedanken. Etwas beim Gehen vertiefen. Etwas im Gehen bedenken. Beim Gehen beten. Auch wenn der nächste Kreuzgang einer Klosterkirche vielleicht nicht gerade in meiner Nachbarschaft liegt, durch meine Art des Gehens kann ich viele Orte zum Kreuzgang machen. Das kann im Freien sein, im Wald oder in ruhigen Gassen einer Stadt, genauso wie drinnen, in einem langen Flur oder in einem großen Raum. Es lohnt sich, sich dorthin auf den Weg zu machen.

Von Schwester Maria Gabriela Zinkl

Die Autorin

Schwester Dr. Maria Gabriela Zinkl SMCB ist Borromäerin im Deutschen Hospiz St. Charles in Jerusalem und arbeitet als Dozentin für Kirchenrecht und als Pädagogin. Für "Spiritea" schreibt sie regelmäßig Texte über  Themen rund um Spiritualität und Glaubensalltag.