Ihre ethischen Motive könnten sich dagegen in moderner Welt gut behaupten

Philosoph Sloterdijk sieht Institution Kirche im Niedergang

Aktualisiert am 03.06.2022  –  Lesedauer: 

Düsseldorf ‐ Spätestens seit der Reformation habe die katholische Kirche die Kontrolle über ihren "Content" verloren, glaubt der Philosoph Peter Sloterdijk. Lob gibt es für Papst Franziskus – "Narzissmus" sieht er bei Benedikt XVI. und Johannes Paul II.

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Peter Sloterdijk (74), Philosoph, sieht die Institution Kirche im Niedergang. Allerdings enthalte das Konzept von Kirche "eine der wenigen Ideen, die auch für die Philosophie von elementarer Bedeutung bleiben", sagte Sloterdijk der "Rheinischen Post" (Freitag). "Es bezeichnet eine Assoziation von Menschen, die nicht aufgrund ihrer Herkunft zusammenhalten, sondern weil sie ein gemeinsames Wahrheitserlebnis haben oder suchen." Einen solchen Gedanken habe bereits die Platonische Akademie aufgegriffen, die von Platon im vierten Jahrhundert vor Christus gegründete Philosophenschule in Athen.

"Radikal verstanden, meint Zugehörigkeit zu einer Kirche das Austreten aus allen familialen, tribalen, nationalen Besessenheiten und den Eintritt in eine pneumatische Kommune, in die Meta-Nation der Getauften", so Sloterdijk. In dieser Hinsicht sei das Christentum allerdings ein gescheitertes Projekt; die "nationaldämonischen Para-Christentümer" hätten es überall auf der Welt unterwandert.

Franziskus vs. Benedikt und Johannes Paul

"In zwei Weltkriegen haben europäische Christen aufeinander geschossen. Und wenn man näher hinsieht: Schießen denn nicht zur Stunde wieder orthodoxe Christen auf dem Boden der Ukraine gegenseitig auf sich?", fragte der Philosoph. "Kyrill, der Patriarch von Moskau, segnet Putins Waffen – mehr muss man über den Stand der Dinge nicht wissen."

Die katholische Kirche habe spätestens seit der Reformation die Kontrolle über ihren "Content" verloren, analysiert der Philosoph. "Sie musste allmählich vom hohen Ross des Monopolisten herabsteigen. Das unvermeidbare Bescheidenwerden verkörpert sich aktuell in der Figur des Papstes. Bei Franziskus gibt es weder den theologischen Narzissmus Benedikts noch den politisch-mystischen Narzissmus Johannes Pauls II."

Anders als die Institution könnten sich die von der Kirche propagierten ethischen Motive in der modernen Welt gut behaupten, so Sloterdijk. "Vor allem das Hauptmotiv 'Nächstenliebe' ist in weltliche Institutionen übersetzt worden, in denen sie anonym äußerst erfolgreich sind." Der Philosoph weiter: "Greenpeace und Amnesty International sind mindestens so kirchlich wie die Kirche selbst. Ihre Aktivisten leisten gelegentlich mehr als mancher geweihte Geistliche." Sloterdijk äußerte sich vor dem Pfingsfest, das als Geburtsfest der Kirche gilt. (KNA)